Mircea Cărtărescu: Der Gott des Erstickens

21. Juni 2016, 09:00
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Über Götterdämmerung, die jahrtausendealte Geschichte der Entwurzelungen und Europas innere Gefahr

Ich beginne mit dem Wichtigsten, was ich zu diesem Thema sagen kann: Ich liebe Europa. Es ist meine wahre Heimat und meine wahre Identität. Ich sehe mich als Schriftsteller Europas und bin, ohne andere Kulturräume geringschätzen zu wollen, stolz darauf.

Ein Verfall oder eine Auflösung der Europäischen Union wäre für mich keine geopolitische Tatsache, sondern eine persönliche Katastrophe, wie eine Scheidung oder der Tod eines geliebten Menschen.

Dies ist der Grund, weshalb ich heute um das Schicksal dieser Welt so zittere wie um das Schicksal eines Ahnen, der mir das Leben geschenkt und mir alles beigebracht hat, was ich weiß. Und wie um mein eigenes Schicksal.

Ich beobachte das, was heute mit Europa geschieht, in einem Zustand der Unruhe und Depression. Welche Bedeutung hatte die griechische Krise, mit der der Wahnsinn begann? Warum ist Byron vor fast zweihundert Jahren in Missolonghi für Griechenland gestorben, und warum würde heute niemand mehr für Griechenland sterben?

Ist es möglicherweise so, dass die Geschichte sich wiederholt, ironisch und absurd, als Farce? Ist es möglicherweise so, dass das, was Aischylos und Sophokles eingeleitet haben, nun von Tsipras und seiner Syriza zunichtegemacht wird, wie in einem Kreislauf des Aufstiegs und Niedergangs einer Welt? Überblendet die Götterdämmerung symbolisch das wirtschaftliche Drama des Alten Kontinents?

Keine Sicherheit

Russland fällt in der Krim ein, und niemand leistet Widerstand. Es könnte in die Republik Moldau oder die Länder des Baltikums einfallen. Es könnte in Finnland eindringen, das Land mit dem besten Bildungssystem der Welt (und wieder ist das Symbolhafte augenscheinlich). Die Vereinigten Staaten von Amerika sind weit weg, und Europa ist unfähig, sich allein zu verteidigen. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es noch nie eine so akute militärische Bedrohung gegeben.

Aber was ist zu tun? In einer Kurzgeschichte von Bioy Casares nimmt der Schriftsteller Argentinien und Lateinamerika und schließt sie Europa an. Ich würde Europa an die Vereinigten Staaten anfügen und den Atlantik zwischen sie und Russland schieben. Ich frage mich, warum den Politikern eine so einfache Lösung nicht einfällt (ich lache gezwungen, um meine Angst zu vergessen).

Ich könnte mich in einem Zug befinden, der friedlich von Wien nach Salzburg fährt. Ich lese etwas von Doderer, und auf einmal vermischen sich meine Knochen, mein Fleisch, mein Blut mit dem Stahl, dem Aluminium, dem Glas des Abteils. Ich habe nicht einmal Zeit, meines Todes gewahr zu werden. Der islamistische Terror hat noch einmal zugeschlagen. Jeder der 750 Millionen Bewohner Europas ist eine Zielscheibe. Niemand ist mehr in Sicherheit. In Paris, in Brüssel, aber auch in Tirana oder Bukarest.

Etwas Metaphysisches schwebt in der Luft, und auf einmal, wie bei einem Glücksspiel, bleibt es über dir stehen, und dein Schädel explodiert. Du stirbst, weil du Europäer bist, der Nachfahre Jesu und Sokrates', zweier Menschen, die Gewalt hassten.

Pharisäer und Samariter

Schließlich ereignete sich, in einem eigenartigen Zusammenhang mit dem oben Erwähnten, auch die Flüchtlingswelle und überschüttete Europa mit der Armut, der Unterentwicklung und der Angst, die aus uralten und neuen Konflikten entstanden sind. Es ist das jüngste Ereignis in der jahrtausendealten Geschichte der Entwurzelungen, des Ertrinkens im Mittelmeer, des Austauschs von Elend zwischen Kontinenten, Kulturen und Ethnien.

In der Christus-Parabel geht der Pharisäer am beraubten und geschundenen Menschen vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, während der Samariter ihn umsorgt, weil er weiß, was es bedeutet, "seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst".

Die Flüchtlingskrise wäre Europas Chance gewesen, zu zeigen, dass es immer noch existiert, dass es immer noch durch eine Reihe standhafter Prinzipien vereint ist: Barmherzigkeit, Toleranz, das Recht auf Freizügigkeit, das Recht auf ein lebenswertes Leben. Wir sind dabei, jenen Menschen, die dringend Zuflucht benötigen, wie der Pharisäer zu begegnen und dadurch am Sinn und Zweck unseres eigenen Seins Verrat zu üben.

Vergessen als Bedrohung

Denn darum handelt es sich. Europa ist heute von allen Seiten gewaltig bedroht, aber keine der Gefahren ist mit der inneren Gefahr vergleichbar. Nicht die Russen, nicht die Islamisten, Einwanderer oder Griechen sind die größte Bedrohung, auch ist diese Bedrohung nicht wirtschaftlicher, politischer, ideologischer oder religiöser Natur.

Die große Bedrohung Europas ist das Vergessen. Das vorsätzliche Vergessen dessen, was Europa bedeutet: eine unvergleichliche kulturelle und wissenschaftliche Erbschaft, die auf einer großen Ethik aufbaut.

Wir Europäer sind heute der große Feind Europas. Denn wir haben in den letzten Jahrzehnten willentlich unser Bildungssystem zerstört, wir haben absichtlich unsere Lebensprinzipien ausgehöhlt. Wir glauben nicht mehr an die Kultur und wissen nicht mehr, was uns zu Europäern macht. Die europäische Identität ist noch nicht Teil unserer Persönlichkeitsformel geworden. Von unserer Verwirrung und Unentschlossenheit profitieren alle anderen.

Ich liebe Europa. Der Beitritt meines Landes zur Europäischen Union ist das größte Ereignis in seiner Geschichte. Eine Auflösung Europas wäre für uns der Austritt aus der Zivilisation und aus der Geschichte. Und für mich als einen, der seine Luft sechzig Jahre lang geatmet hat, wäre es der Kniefall vor dem Kafka'schen Gott des Erstickens. (Mircea Cărtărescu, Übersetzung aus dem Rumänischen: Laura Balomiri, 20.6.2016)

Mircea Cărtărescu (60) ist ein rumänischer Schriftsteller, der bis 1989 nur Poesie verfasste, er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des rumänischen Postmodernismus, über den er promoviert hat. 2016 erschien "Die schönen Fremden" (Zsolnay).

  • Der Bukarester Triumphbogen wurde 1936 eingeweiht, ein erster Vorläufer wurde im Jahr 1878 aus Holz errichtet.
    foto: getty images / istock / richard sharrocks

    Der Bukarester Triumphbogen wurde 1936 eingeweiht, ein erster Vorläufer wurde im Jahr 1878 aus Holz errichtet.

  • Der rumänische Schriftsteller Mircea Cărtărescu gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des rumänischen Postmodernismus.
    foto: apa / barbara gindl

    Der rumänische Schriftsteller Mircea Cărtărescu gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des rumänischen Postmodernismus.

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