Streit um die Vorherrschaft bei den Orthodoxen

18. Juni 2016, 17:00
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Erstmals seit mehr als 1000 Jahren treffen sich die Führer der orthodoxen Kirchen zu einem Konzil – für das es einige Absagen gab

Mit westlichen Zeitvorstellungen und Terminplänen braucht man ihnen gar nicht erst kommen. Ein panorthodoxes Konzil, ein Treffen aller orthodoxen Kirchen, sei ja nun kein vatikanisches Konzil, das man einfach festlegt, heißt es in einer neueren Handreichung zur Kirche des "rechten Glaubens". Die Herren mit den langen grauen Bärten und den wallenden schwarzen Kutten sind so weit, wenn sie eben so weit sind.

Knapp 1300 Jahre hat es gedauert, 55 Jahre wurde geplant, am Sonntag – dem orthodoxen Pfingstfest – beginnt das Konzil. Auch wenn einige orthodoxe Kirchenführer gewissermaßen in letzter Minute wieder absagten und das ganze Unternehmen nun zum Einsturz zu bringen drohen.

Russland ist nicht dabei

Fünf der 14 "autokephalen" – der unabhängigen und selbstständigen – orthodoxen Kirchen haben in den vergangenen Wochen einen Rückzieher gemacht. Die serbische orthodoxe Kirche revidierte am Mittwoch ihre Absage und ist beim Jahrtausendereignis auf Kreta nun doch dabei. Nicht so die orthodoxen Kirchen von Bulgarien, Georgien, Antiochien und vor allem Russlands.

Den einen hat die Sitzordnung im Saal der orthodoxen Akademie in Chania nicht gepasst. Andere fanden, es wurde bei den Themen des Konzils wie der Ehe oder den Beziehungen der orthodoxen Kirche zum Rest der christlichen Welt doch etwas gehudelt.

Johannes X. wiederum, Patriarch von Antiochien – dem heutigen Antakya in der Türkei –, wollte dem Patriarchen von Jerusalem nicht begegnen; dieser macht ihm die Rechtshoheit über das Bistum Katar streitig.

Gegen den "Vorsitz der Liebe"

Tatsächlich aber scheint es eher so, dass Kirill, der mächtige Patriarch der russischen Kirche und ein politischer Partner des russischen Präsidenten Wladimir Putin, die anderen Kirchen vorgeschickt hat. Es geht um die Vormacht bei den Orthodoxen und um das Ringen zwischen konservativen und liberaler gesonnenen Kirchenführern.

Denn wenn die Orthodoxen auch unabhängig voneinander sind, so ist der Patriarch von Konstantinopel doch der Erste unter Gleichen; Bartolomaios I. führt den "Vorsitz in Liebe". Er ist auch die treibende Kraft dieses ersten Konzils seit dem Ökumenischen Rat von Nicäa im Jahr 787. Die christliche Kirche spaltete sich knapp 300 Jahre später, das große Schisma von 1054 zwischen orthodoxer und römisch-katholischer Kirche.

Das "dritte Rom"

Bartolomaios hat in Istanbul heute nur noch wenige Tausende orthodoxe Gläubige um sich. Kirill jedoch führt die mit vielleicht 100 Millionen größte orthodoxe Kirche an, auch wenn Umfragen einen starken Rückgang der Gläubigen in Russland zeigen. Kirill, so steht in orthodoxen Kirchenkreisen seit langem fest, beansprucht für seine Kirche die Position eines "dritten Rom".

Bartolomaios hält dennoch an dem einwöchigen Konzil auf Kreta fest. Die Bedeutung des Treffens scheint aber nun sehr geschmälert. Fünf Dokumente sind für dieses Konzil bei Vorbereitungstreffen der vergangenen Jahre von allen orthodoxen Kirchen angenommen worden. Sie sprechen sich unter anderem gegen den Säkularismus und die Genmedizin aus. (Markus Bernath aus Athen, 18.6.2016)

  • Stille Rivalität: der russische Patriarch Kirill (re.) und Bartolomaios I., Patriarch von Konstantinopel und Oberhaupt der Orthodoxen.
    foto: ap / astakhov

    Stille Rivalität: der russische Patriarch Kirill (re.) und Bartolomaios I., Patriarch von Konstantinopel und Oberhaupt der Orthodoxen.

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