"Odyssee": In die Gegenwart gespült

18. Juni 2016, 09:00
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Homers Irrfahrer bei den Sommerspielen Melk

Wien – Am Ufer der Donau wurden Container angespült. Von Graffitis überzogen, eine Rückwand durchschlagen, haben sie keine leichte Reise hinter sich. Im Gegenteil. Aus einem rutscht zwischen Rettungswesten und Lumpen ein Zerrissener, Verdreckter in die Wachauarena und fordert Gastrecht: "Woher kommst du?" – "Aus dem Krieg." – "Das sagen alle!"

Erst Kriegsverweigerer, dann Kriegsheld gegen Troja, dann Irrfahrer, ist Homers Odysseus eine der großen tragischen Figuren der Weltliteratur. Heute am nächsten steht er uns wohl als Heimatsuchender: Zwanzig Jahre war er schon nicht mehr hier, an der Küste seines Ithakas. Sohn Telemach (Matti Melchinger) ist inzwischen zum Mann herangewachsen, was am Vaterbild kratzt. Penelope (Doris Schretzmayer) gibt die aus der Not vor den Freiern an den Webstuhl Zurückgezogene.

Röchelnd, wimmernd, tobend

Dass ihr Gatte es ist, der da angespült wurde, wird sie erst in zweieinhalb Stunden erfahren und mit dem Wiedergewonnenen außerhalb der Erinnerung wenig anzufangen wissen. Warum sie noch immer auf ihn hält, weiß man hingegen bald: Nicki von Tempelhoff ist ein viel Gefallen erweckender Odysseus. Röchelnd, wimmernd, tobend lässt er seinen Gefühlen in antiker Manier Lauf. Ohne unnötige Künstelei. Eine Tugend, derer es noch einige anzumerken gibt.

Ohne Einwand gelungen muss man neben der Bühne von Daniel Sommergruber etwa auch die Textfassung von Stephan Lack und Alexander Hauer nennen. Ohne nach Schenkelklopfern auf Leinenhosen zu heischen, hat Letzterer als Intendant und Regisseur in der Stückauswahl eine beinahe Absonderlichkeit begangen und auf kein leichtes Element zugegriffen.

Unmittelbar und fruchtbar

Dass zum Zeitpunkt der Programmplanung die Flüchtlingskrise noch keine Krise war, die in der Odyssee seit 3000 Jahren aufgehobenen Themen um Krieg und Heimkehr mittlerweile aber wieder einmal sehr konkrete sind, spielt, bei aller Tragik der Sache, den Tüchtigen dieser Produktion in die Hände.

Wie begegnet man dem Fremden? Ist die Kriegsgeneration eine verlorene? Will oder kann einer nicht über das Erlebte sprechen? – Solche Fragen treffen nun unmittelbar. Dass die Rückblenden, mit denen Homer Spannung erzeugt, zu Wahnvorstellungen eines PTBS-Geplagten fortgeschrieben werden, ist ein ästhetisch wie psychologisch fruchtbarer Einfall und Gewinn.

Meisterlich gewoben

Mit unermüdlicher Hand webt Multiinstrumentalist Boris Fiala über all dem seinen mal schwelenden, mal eher blechern tönenden Klangteppich aus Cello und Perkussion meisterlich. Mit bunten Kleidern überzogen hat die Versammelten indes Julia Klug. Den Sommerspielen Melk gelingt ein weit ins Aktuelle greifender Abend. (Michael Wurmitzer, 18.6.2016)

Bis 6. 8.

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Sommerspiele Melk

  • Nicki von Tempelhoff als Irrfahrer Odysseus (li.), Matti Melchinger als sein Sohn Telemach.
    foto: nimo zimmerhackl

    Nicki von Tempelhoff als Irrfahrer Odysseus (li.), Matti Melchinger als sein Sohn Telemach.

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