Fälschungen: Argentinien erklärt Statistik-Notstand für beendet

19. Juni 2016, 09:00
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Zum ersten Mal seit fast einem Jahrzehnt legen die Behörden glaubwürdige Inflationszahlen vor

Wien – Vor einem Jahr nannte Jorge Todesca die Statistikbehörde noch eine "Lügenmaschine". Seit sieben Monaten hat der Ökonom selbst ihre Hebel in der Hand. Nach langer Zeit spuckt die Maschine nun erstmals wieder vertrauenswürdige Zahlen aus. Die Preise sind im Mai im Vergleich zum Vormonat um 4,2 Prozent gestiegen, gab der von Präsident Macri im Dezember neu gekürte Chefstatistiker bekannt.

In den meisten Ländern sorgen Inflationszahlen nicht für Aufsehen. In Argentinien, wo offizielle Statistiken jahrelang manipuliert wurden, um die prekäre Lage der Wirtschaft zu verdecken, kommt es einer Revolution gleich. Die Reparatur der Behörde ist die nächste Reform von Mauricio Macri, der seit seiner Angelobung im Vorjahr das Land umbaut.

Erste Reformen Marcris

Er hat bereits die Währung des Landes, den Peso, freigegeben, der daraufhin stark an Wert verlor. Macri hat sich mit den berüchtigten Geierfonds verglichen, mit denen das Land seit Jahren einen teuren Rechtsstreit ausfocht. Damit brachte der neue Präsident Argentinien zurück an die internationalen Finanzmärkte. Exportzölle für Soja, Mais oder Weizen stutzte er zusammen, genau wie Subventionen für Energie.

Kurzfristig macht ihn all das nicht gerade beliebter. Die Preise sind stark gestiegen und die Wirtschaftsleistung wird im ersten Halbjahr wohl schrumpfen. Viele Ökonomen sind aber der Meinung, dass das durch die populistische Politik der vergangenen Jahre wirtschaftlich geschwächte Land durch ein paar Regenmonate muss, bevor sich die Sonne wieder blicken lässt.

Bis zum Ende des Jahres sollte es wieder bergauf gehen, sagt Luiz Kessler zum STANDARD. Der Ökonom arbeitet bei Oxford Economics, einem in der Finanzbranche vielbeachteten Institut. Lobt Kessler ein Land, dann kann das mit dafür sorgen, dass Investoren ihr Geld dorthin verschieben.

Argentinien und der IWF

Die Inflationszahlen vom Mai hält er für zuverlässig. "Endlich kann man den Daten wieder vertrauen", sagt er. Analysten wie er haben über die vergangenen Jahre eigene Inflationsraten berechnet, weil die offiziellen mit der Realität im Land nicht zusammengepasst haben. Anfang 2016 betrug die Teuerung laut Behörden 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Fachleute hielten 25 Prozent für realistisch.

Mit den Macri-Reformen ist die Inflation jetzt auf geschätzte 44 Prozent gestiegen, sagt Kessler. Er muss noch immer schätzen, weil die Behörden nur eine einzige Inflationsrate für Mai berechnet haben. Das zeigt den großen Arbeitsaufwand hinter der Reform der Statistiken. Erst mit der Zeit sollen auch Vergleiche mit den Vorjahren gezogen werden können, wie das international üblich ist.

Sinkende Inflation erwartet

In den kommenden Monaten wird die Inflation wieder sinken, sagt Kessler. Weil der Peso weniger wert ist, sind Importe teurer geworden. Das treibt derzeit die Preise. Der Internationale Währungsfonds, der Argentinien vor Jahren für die gefälschten Statistiken öffentlich rügte, ist dabei, das Land genauer unter die Lupe zu nehmen. Das ist bei allen Mitgliedern so üblich. Argentinien ist seit 60 Jahren dabei. Seit 2006 wurde kein "Check" mehr durchgeführt. Die Mitarbeiter durften nicht rein. (Andreas Sator, 19.6.2016)

  • Mit der Inflation geht es nach oben, seit Mauricio Macri argentinischer Präsident ist. Das liegt an seiner Politik, die die Teuerung antreibt, aber auch an neuerdings nicht mehr gefälschten Statistiken.
    foto: afp / guillermo legaria

    Mit der Inflation geht es nach oben, seit Mauricio Macri argentinischer Präsident ist. Das liegt an seiner Politik, die die Teuerung antreibt, aber auch an neuerdings nicht mehr gefälschten Statistiken.

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