Bruno Kartheuser: Der Roboter an der Klippe

20. Juni 2016, 09:59
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Über die Verheißung immerwährenden Friedens, neue Kriegsfronten und ein Nachdenken über das Ende des Spektakels

Das europäische Projekt befindet sich, sachlich betrachtet, an der Klippe", schrieb Robert Menasse 2013, lange vor dem britischen Wahlgang. Es sei fünf vor zwölf. Heute ist diese Erkenntnis Gemeingut geworden und drängt die gebetsmühlenhaften Argumente der ersten Jahrzehnte – Friede, Wohlstand, Freizügigkeit, Wirtschaftsstärke usw. – an den Rand.

Es ist wahr, die europäischen Kernländer haben jetzt schon mehrere Jahrzehnte lang keinen Krieg mehr gegeneinander geführt. Aber dieselben Länder mischen heute an unzähligen Kriegsfronten mit, zumindest die, die zum Kriegerverein Nato mit seinen 28 Ländern zählen, unbekümmert um die theoretische Möglichkeit, dass das Pendel auch einmal zurückschlagen könnte.

Neben der Garantie für den immerwährenden Frieden nach bösen Kriegen stand die Verheißung des allgemeinen Wohlstandes verbunden mit sozialer Sicherheit auf dem Giebelfries der neuen Konstruktion. Doch wer zählt die Millionen Menschen im Reich der 28 EU-Staaten, die um ihr Grundrecht auf Arbeit betrogen werden und tief genug auf der sozialen Leiter stehen, um auch dieses Versprechen als vollmundige Lüge zu empfinden!

"Europa verarmt", titelt der "Spiegel". Betrachten wir die Krise im Finanzbereich, wo Banken und Spekulanten die gewählten Regierungen ausgehebelt haben, ein Test dafür, wie ohnmächtig die demokratischen Strukturen gegenüber der Macht der Großfinanz sind.

Zäune und Mauern

Und die Freizügigkeit gar, die universale Mobilität, wie arg geschunden sieht sie aus mit den Massen von Flüchtlingen, die Sicherheit und Überleben suchen, die aber manu militari und mit Zäunen und Mauern an den Grenzen der (vermeintlichen) Wohlstandsfestung zurückgeworfen werden. Selbst mit Canaillen und Diktatoren verständigt sich der europäische Block, um die Flüchtlinge erst gar nicht an die eigene Grenze gelangen zu lassen. Zehntausend Flüchtlinge sind seit 2014 im Mittelmeer gekentert und ertrunken.

Wie oft tauchte bei den Schönrednern die Beschwörung der Wertegemeinschaft auf, die sich in der Europäischen Union verwirkliche. Ich bekräftige meinen Satz von 2001: "Suspekt und bekämpfenswert wäre mir ein Europa, das mir einreden wollte, ich hätte mit andern gemeinsam eine sogenannte Burg der Werte rund um unsere jeweiligen Unzulänglichkeiten zu errichten, im Trotz gegen die restliche Welt. Ein Europa, das Welt verhindert, wäre rigoros als eine Barbarei zu bekämpfen."

Was damals böse Ahnung war, ist heute Realität. Die Burg ist errichtet und befestigt, die Europäische Union trägt schamlos barbarische Züge zur Schau. Die hehre Idee ist nach sechs Jahrzehnten so sehr verkommen, dass ein Nachdenken über das Ende des Spektakels legitim geworden ist.

Die Ertrinkenden im Mittelmeer, die Zäune an der Südostgrenze, die angezündeten Flüchtlingsunterkünfte, die wuchernde Prekarität, die totalitäre Selbstbedienung der Banken, das Zündeln mit Kriegen außerhalb der Festung, die Entmündigung der Bürger – wie soll all das eine Wertegemeinschaft kennzeichnen!

Mega-Roboter Europa

Wie sollte man angesichts des heutigen Fiaskos nicht denjenigen recht geben, die auch diesen Versuch für gescheitert halten, weil die Grundlagen wirklich nicht tragen. Die Konzentration auf Finanz und Wirtschaft, ein nahezu belgisches Wirrwarr von Kompetenzen und Strukturen in den Entscheidungsgremien, ein Heer von normierenden Eurokraten, der zynisch verantwortete Bankrott der humanistischen Ideale, die Perspektivlosigkeit altgedienter Euroführer ohne Berufung und Ethos – diese trostlose Summe wäre bereits Grund genug, um auszusteigen.

Die Entscheidung der Briten ist belanglos. Was schwerer wiegt, ist die alarmierende Befindlichkeit des scheppernden, untauglichen Mega-Roboters Europa. Man sollte ihn nicht zurückhalten, jetzt wo er dort an der Klippe steht.

Das Heer der Propagandisten und Privilegierten wird die Rückkehr in die Steinzeit an die Wand malen. Sie werden sich nach anderen nährenden Krippen umsehen müssen. Das Auseinanderbröckeln dieses Molochs ist ein Fortschritt, wenn das Ungetüm im Begriff ist, selbst ein nationalistisches, identitäres, ausgrenzendes Gebilde im Weltkontext zu werden. (Bruno Kartheuser, 20.6.2016)

Bruno Kartheuser (68) Schriftsteller (z. B. Lyrik, Kurzprosa, Essays, Übersetzungen), Journalist und Historiker, seit 1982 Herausgeber der Literaturzeitschrift "Krautgarten – Forum für junge Literatur" aus dem deutschsprachigen Teil Belgiens.

  • Das Atomium in Brüssel ist 102 Meter hoch, sechs der neun Kugeln mit je 18 Meter Durchmesser sind begehbar.
    foto: reuters / yves herman

    Das Atomium in Brüssel ist 102 Meter hoch, sechs der neun Kugeln mit je 18 Meter Durchmesser sind begehbar.

  • Bruno Kartheuser ist Schriftsteller (z. B. Lyrik, Kurzprosa, Essays, Übersetzungen), Journalist und Historiker, seit 1982 Herausgeber der Literaturzeitschrift "Krautgarten – Forum für junge Literatur" aus dem deutschsprachigen Teil Belgiens.
    foto: johannes weber

    Bruno Kartheuser ist Schriftsteller (z. B. Lyrik, Kurzprosa, Essays, Übersetzungen), Journalist und Historiker, seit 1982 Herausgeber der Literaturzeitschrift "Krautgarten – Forum für junge Literatur" aus dem deutschsprachigen Teil Belgiens.

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