Das Kapital des Bernie Sanders

18. Juni 2016, 09:00
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Der linke Kandidat will Hillary Clinton unterstützen, ihr aber Zugeständnisse abringen

Es klang über weite Strecken nach einem heiklen verbalen Balanceakt. Mit einer Videoansprache an seine Anhänger hat sich Bernie Sanders, der überraschend starke, letztlich aber unterlegene linke Rivale Hillary Clintons im Duell um die Präsidentschaftskandidatur, de facto hinter seine Kontrahentin gestellt. Dies allerdings, ohne bereits jetzt einen offiziellen Schlussstrich unter den Zweikampf zu ziehen.

Er wolle mit Clinton zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass Donald Trump im November die Wahl gewinne, betonte der junggebliebene Senator aus dem Neuengland-Staat Vermont. Zugleich, machte er deutlich, möchte er ein gewichtiges Wörtchen mitreden, wenn die Demokraten auf ihrem Nominierungsparteitag im Juli entscheiden, mit welcher Agenda sie ins Finale ziehen.

Intoleranz als Eckpfeiler

Das wichtigste politische Anliegen der nächsten fünf Monate sei es, Trump zu besiegen, "ihn klar zu besiegen", sagte Sanders. Nach Jahrhunderten des Rassismus, der Frauenfeindlichkeit, der Diskriminierung in allen Spielarten brauche das Land keinen Republikaner, der Intoleranz zum Eckpfeiler seiner Kampagne mache.

Theoretisch bleibt der Senator indes im Wettlauf ums Weiße Haus. Auch wenn er praktisch keine Chance mehr hat, ihn zu gewinnen. Am Ende der Vorwahlen verfügt seine parteiinterne Kontrahentin über genügend Stimmen, um beim Konvent der Demokraten im Juli als Kandidatin fürs Oval Office aufgestellt zu werden.

Gleichwohl muss Clinton der Schulterschluss mit Sanders gelingen, will sie dessen hochmotivierte Anhängerschaft auf ihre Seite ziehen – junge Wähler, Geringverdiener, Unabhängige, die mit der früheren First Lady und Außenministerin schon deshalb nicht gerade glücklich sind, weil sie in ihr eine Symbolfigur des Establishments sehen.

In der Altersgruppe zwischen 18 und 45 kam Sanders in sämtlichen US-Staaten auf eine Mehrheit. Das ist das Kapital, das er auf dem Wahlkongress in Philadelphia einzusetzen gedenkt.

Sanders will Partei verändern

Es sei kein Geheimnis, in einigen sehr wichtigen Punkten hätten Clinton und er sehr große Meinungsverschiedenheiten, sagte Sanders in der Nacht zum Freitag in seiner Rede. Wahr sei aber auch, dass sich beider Ansichten bei anderen Themen nahezu deckten. Im Duett mit Clinton wolle er die Partei gründlich verändern, "sodass sie eine Partei der arbeitenden Menschen, der jungen Menschen wird, statt eine Partei wohlhabender Wahlkampfspender zu sein". Mit anderen Worten, Sanders will das Handtuch erst werfen, wenn klar ist, dass sich möglichst viele seiner Forderungen im Wahlprogramm seiner Widersacherin wiederfinden.

Woran er dabei denkt, hat er stichpunktartig angedeutet: ein Verbot des Fracking, Milliardeninvestitionen in die vielerorts marode Infrastruktur, die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns auf 15 Dollar (13,3 Euro) pro Stunde, nicht nur auf zwölf Dollar (10,6 Euro), wie Clinton es will.

Obendrein ruft er die Demokraten auf, sich gegen das transpazifische Handelsabkommen TPP zu stellen, damit nicht weitere Industriearbeitsplätze in Billiglohnländer wie Vietnam abwandern. Obama hofft auf eine Ratifizierung des Vertrags, bevor er im Jänner aus dem Amt scheidet. Die Chefdiplomatin Clinton hatte einst für TPP geworben, während die Kandidatin Clinton die geplante Freihandelszone ablehnt. (Frank Herrmann aus Washington, 18.6.2016)

  • Bernie Sanders vor seiner Ansprache am Freitag.
    foto: reuters / matt mcclain

    Bernie Sanders vor seiner Ansprache am Freitag.

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