"Drei Wochen bleiben und alles anhören!"

Interview18. Juni 2016, 07:00
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Der Dirigent Alessandro De Marchi über das Jubiläumsprogramm der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik und einen couragierten Rat an das geschätzte Publikum

STANDARD: Das Leben besteht aus Lachen und Weinen. Auch das Programm zum 40-jährigen Jubiläum der Festwochen beschäftigt sich mit diesen Gegensätzen. Die Eröffnungspremiere, Domenico Cimarosas "Il matrimonio segreto", hat eindeutig eine lustige Schlagseite. Was hat Sie daran gereizt?

De Marchi: Il matrimonio segreto wurde 1792 am Wiener Hof uraufgeführt und steht in einer Traditionslinie von Mozart hin zu Rossini. Die Oper wurde später recht häufig aufgeführt, dabei aber oft mehr massakriert als interpretiert. Ich habe die Partitur behutsam restauriert und schlechte Interpretationstraditionen ausgemerzt. Mit Renato Girolami und Donato di Stefano konnte ich meine persönlichen Lieblingsbuffi verpflichten, auch Klara Ek und Vesselina Kassarova sind dabei.

STANDARD: Die Sittenkomödie soll sich im Hühnerstall abspielen!

De Marchi: Ich habe mit Renaud Doucet und André Barbe schon eine fantasievolle Cenerentola gemacht. Anfangs hat mich Doucet gefragt: Was ist am Stück aktuell? Meine Gegenfrage: Muss es aktuell sein? Daraufhin haben sie über Cimarosas Zeit recherchiert. Und damals hat es eine Mode gegeben, dass die Kostüme von Tieren inspiriert waren. Das wiederum war die Inspiration für unsere ungewöhnliche Deutung.

STANDARD: Eine Rarität wird bei "Barockoper: Jung" gezeigt: die Tragikomödie "Le nozze in sogno", die erst 2014 Antonio Cesti zugeschrieben werden konnte.

De Marchi: Genau: Die Partitur war bekannt, aber man kannte den Verfasser lange nicht. Cestis Werk bietet nicht nur wundervolle Musik, das dramaturgisch interessante Libretto von Pietro Susini mischt auch tragische und komische Elemente virtuos – und macht es so zu einem idealen Werk für diese Festwochen. Für die Darsteller der Barockoper: Jung, hauptsächlich ehemalige Preisträger unseres Cesti-Gesangswettbewerbs, ist es eine tolle Gelegenheit, Erfahrung auf der Bühne zu sammeln und mit exzellenten Profimusikern wie Enrico Onofri zusammenzuarbeiten.

STANDARD: Zum 40-Jahr-Jubiläum haben Sie verdiente Mitglieder der Festwochenfamilie wieder eingeladen – unter anderem Ihre beiden Vorgänger René Jacobs und Howard Arman. Eine schöne Geste.

De Marchi: Ich war in meinen Anfängen lange René Jacobs Assistent, wir haben beide viel voneinander profitiert. Er ist humanistisch gebildet und als ehemaliger Sänger mit der musikalischen Rhetorik vertraut, ich habe meine instrumentalen Kenntnisse eingebracht. Wir sind auch danach in Kontakt geblieben, nach Ende seiner intensiven Zeit als Leiter der Festwochen wollte er hier eine Pause machen. Nun war es hoch an der Zeit ihn einzuladen, und ich freue mich sehr, dass er mit Glucks Alceste zu hören sein wird.

STANDARD: Das Konzertprogramm will mit "theils ernsthaften, theils scherzenden Oden" unterhalten. Ensembles wie Il Giardino Armonico, Les Talens Lyriques, Künstler wie Julian Prégardien sind mit dabei. Sie selbst werden Mozarts Krönungsmesse dirigieren, in memoriam Nikolaus Harnoncourt. Was sind denn die Highlights davon?

De Marchi: Schwer zu sagen. Man muss einfach kommen, drei Wochen bleiben, sich alles anhören!

STANDARD: Sie bauen bei den Festwochen immer wieder Brücken von der Barockzeit bis zur Gegenwart. So ist bei einem Zusammentreffen der Wiener Formation Elektro Guzzi mit Tiroler Barockmusikern Saturday Night Fever der besonderen Art angesagt, und Wolfgang Mitterer bietet auf der Ebert-Orgel der Hofkirche Orgelkunst von der Zeit Sweelincks bis heute.

De Marchi: Ich bin eher kein Freund von Crossover. Aber es gibt qualitätsvolle Ausnahmen!

STANDARD: Worauf sind Sie stolz, wenn Sie auf die vergangenen sechs Jahre zurückblicken? Und was wird die Zukunft bringen?

De Marchi: Stolz bin ich auf die Qualität, auf die Repertoirebreite, auf die Abwechslung, die wir bieten, die selten gespielten Werke in speziellen Interpretationen. Es wird zukünftig keine Revolutionen geben, unsere Struktur ist vielfältig, durchdacht und bewährt. Aber wir werden das Repertoire wohl in beide zeitlichen Richtungen vorsichtig erweitern, also zu einen bis zur Musik des Mittelalters zurück, zum anderen bis hin zur frühromantischen Oper. Das wird spannend!

(Stefan Ender, 18.6.2016)

Alessandro De Marchi (Jahrgang 1962) ist seit 1998 Chef der Academia Montis Regalis und seit 2010 künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik. Der gebürtige Römer dirigiert an führenden Opernhäusern, u. a. an der Hamburgischen Staatsoper, vornehmlich Werke der Barockliteratur.

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Spezial Innsbrucker Festwochen ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Kooperation mit den Innsbrucker Festwochen. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Alessandro De Marchi: "Stolz bin ich auf die Qualität des Gezeigten, die Breite des Repertoires, auf die Abwechslung, die wir bieten."
    foto: hastenteufel

    Alessandro De Marchi: "Stolz bin ich auf die Qualität des Gezeigten, die Breite des Repertoires, auf die Abwechslung, die wir bieten."

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