Die Musikalität der Wahrheit

18. Juni 2016, 06:30
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Dirigent René Jacobs kehrt mit Glucks "Alceste" zu den Festwochen zurück

Innsbruck – Dirigent René Jacobs sagte es einmal: "Nein, man darf da nicht naiv sein. Authentizität oder das totale Rekonstruieren von dem, was damals war, ist unmöglich. Das fängt schon bei der Regie an: Man bräuchte Kerzenlicht und – was wichtiger ist -, man bräuchte das Publikum von damals, das ganz anders dachte und das über die alten mythologischen Geschichten viel genauer Bescheid wusste." Die historisch informierte Aufführungspraxis kann und will also nicht, so einer ihrer wichtigsten Vertreter, die vollkommene Wiedererrichtung von Rahmenbedingungen der Vergangenheit erwirken.

Doch bleibt die Sehnsucht nach dem Original. Und es bleibt die Notwendigkeit, mit der Annäherung an das Original verdecktes Wesentliches zu erhellen und so zum Kern der Musik vorzudringen. René Jacobs tat und tut dies zudem mit der nötigen Musikalität, die das erforschte Wissen um die notierte Vergangenheit erst lebendig werden lässt. Freunde der Innsbrucker Festwochen wissen das, ebendort war Jacobs über Jahrzehnte eine bestimmende Leitfigur.

Als Countertenor konnte man ihn schon 1976 dort hören, danach sollten dreieinhalb Jahrzehnte folgen, in denen der Belgier bei den Festwochen auch als Dirigent das Festival – nicht zuletzt durch das Entdecken von Opern des 17. und 18. Jahrhunderts – zu einem Mekka der Alten Musik entwickelte. Das ist schon eine Weile her, vor ein paar Jahren zog sich Jacobs zurück, um sich neuen Aufgaben zu widmen.

Gattin des Königs

Nun aber, im Jubiläumsjahrgang des Festivals, war es Zeit, zurückzukehren. Im Rahmen einer konzertanten Opernaufführung wird er Alceste von Reformer Christoph Willibald Gluck dirigieren. Das 1767 in Wien uraufgeführte Opus (Libretto auf Basis von Euripides: Ranieri de' Calzabigi) handelt von einer Frau, die frei über ihr Schicksal bestimmen will: Alceste, Gattin von Königs Admeto, opfert sich für diesen.

Es ist zu erwarten, dass Glucks präzise, allen koloraturhaften Schmuck ausklammernde konzentrierte Art und Weise, das Drama in den Mittelpunkt zu stellen (und diesem musikalisch eine weitere Tiefenschicht zu verleihen, ohne die Worte zu ignorieren), bei Jacobs in besten Händen ist. Der Dirigent (1946 in Gent geboren) sieht in Alceste "eine sehr schwarze Oper, über der durchgängig der Tod schwebt." Zu bewundern wäre dabei auch, wie Gluck "die tiefe Tragik in der Musik wahr macht". Auch sieht Jacobs quasi Vollkommenheit: "Es ist so konsequent vertont, dass man nichts hinzufügen will und kann." (Ljubisa Tosic, 18.6.2016)

23.8., Congress Innsbruck, 20 Uhr

Spezial Innsbrucker Festwochen ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Kooperation mit den Innsbrucker Festwochen. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • War lange Jahre künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen – Dirigent und Alte-Musik-Spezialist René Jacobs.
    foto: molina

    War lange Jahre künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen – Dirigent und Alte-Musik-Spezialist René Jacobs.

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