Dokumentarfilm "Europe, She Loves": Generation ziellose Zukunft

17. Juni 2016, 17:29
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Der Dokumentarfilm stellt vier europäische Paare einander gegenüber und scheut dabei auch nicht vor hoher Intimität zurück. Obwohl die Politik draußen bleibt, ist eine gewisse Orientierungslosigkeit allen gemeinsam

Wien – Es sind nicht gerade anfeuernde Worte, mit denen sich Veronika beim Sex mit Harri hören lässt. "Wir sollten besser aufräumen", meint sie. Geschlechtsverkehr kostet Zeit, dabei ist im Haushalt so viel zu tun. Alles wäre einfacher, wenn die Kinder nicht wären. Aber die Kinder sind nun einmal da, man könnte nicht sagen, dass Veronika und Harri sie vernachlässigen.

foto: filmladen
Regisseur Jan Gassmann ist auch beim Sex seiner Protagonisten mit dabei: "Europe, She Loves" sucht ein Close-Up von Paaren.

Im Gegenteil, sie haben eigentlich ein ganz gutes Verhältnis, wie es eben so ist in einer dieser jungen, improvisierenden Familien, wie es sie in Europa wohl sehr, sehr oft gibt. Ein Leben zwischen Freiheit und Prekarität. Ein Leben, wie es auch Siobhan und Terry in Dublin führen, oder Juan und Karo in Sevilla, oder Penny und Niko in Thessaloniki. Sie haben alle keine Kinder, aber sie leben ganz ähnlich wie Veronika und Harri. Vier Paare, acht junge Menschen stehen im Mittelpunkt des Dokumentarfilms Europe, She Loves von Jan Gassmann. Die Protagonisten sind alle aus den Randlagen von Europa, der Regisseur kommt aus dem innersten Mitteleuropa, aus der Schweiz, die sich in vielerlei Hinsicht als exklusive Ausnahme versteht.

Damit ist Gassmann wohl nicht einverstanden. Sein Film ist von einer starken Geste der Intimität geprägt. So kann man Menschen wohl nur filmen, wenn man ihr Vertrauen gewonnen hat. Oft im Bett, unter der Dusche, nicht selten beim Sex, mal unter der Decke, mal offen daliegend.

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Höchstpersönliche Gespräche, Auseinandersetzungen über die mehr oder weniger funktionierenden Beziehungen, dabei wird immer sehr viel geraucht, auch viel zudröhnendes Zeug. Terry und Siobhan kennen auch noch härtere Drogen, seit er auf Methadon ist, ist das mit dem Sex nicht mehr das Gleiche. Wenn man es einmal getan hat, während man drauf war, dann bleibt danach wohl immer irgendwie etwas, das sich nicht mehr aufholen lässt.

Was hat all das mit Europa zu tun? Nichts und alles. Jan Gassmann gibt zwar schon mit dem Titel zu erkennen, dass es ihm um diesen Raum geht, der sich als Europa versteht, und er lässt vor allem durch die Fernsehbilder und Tonsplitter, die auftauchen, erkennen, dass er konkret auch die Europäische Union meint, einen Bereich, in dem Politik gemacht wird, und in dem Menschen mit den Folgen dieser Politik leben müssen.

Verpeilte junge Leute

Doch er mischt seine Figuren in diesen Streit nicht direkt ein. Die Privatheit der gezeigten Szenen ist vielleicht die entscheidende Stärke von Europe, She Loves, denn eigentlich könnte man es den Gesellschaften in Spanien, Griechenland, Irland und Estland zugutehalten, dass verpeilte junge Leute auch irgendwo halbwegs durchkommen und nicht abstürzen müssen. Auf eine sehr offene Weise lässt Gassmann dabei aber durchaus erkennen, dass das genau der Punkt ist, an dem sich Europa entscheidet: wie weit es diesem Bürokratenprojekt gelingt, auch eine Generation zu integrieren, die in diesem Film doch sehr deutlich unter den Zeichen von No Future zu beobachten ist. Jedenfalls keine konkrete Future, eher eine ziellose Zukunft.

Genauer hinschauen

Es kann auch nerven zu sehen, wie Juan seine Antriebslosigkeit an der Ratlosigkeit von Karo mästet, oder wie Niko sich daran stößt, dass Penny Italienisch lernt, weil er spürt, dass ihre Fortschritte ihn von ihr wegführen. Das Leben im Augenblick ist eine Kunst, aber manchmal wäre es auch ratsam, eine Internetseite genau anzuschauen, statt entscheidende Fristen für ein Masterstudium zu versäumen, nur weil einem ein Button nicht auffällt.

Europe, She Loves ist ein merkwürdiger Film, der wirkt, als hätte jemand den abstrahierenden Blick des Dokumentaristen Nikolaus Geyrhalter auf konkrete Personen gewandt. Man sieht Europa anders danach: melancholisch, skeptisch, aber auch zärtlich. (Bert Rebhandl, 17.6.2016)

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