Richard Swartz: Jawohl – ich bin ein Europäer. Aber was bedeutet es?

20. Juni 2016, 10:00
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Über europäische Fremdheit und Vertrautheit, Vergessenes und Verdrängtes und selbstzerstörerische Extravaganz.

Europäisch fühle ich mich erst auf Besuch in Amerika oder in Israel (wenigstens während der letzten 25 Jahre). Nicht in Europa. Erst in Amerika entdecke ich, dass ich manchmal mehr mit einem Albaner als mit einem Amerikaner gemeinsam habe, ein Gedanke, oder eher ein Gefühl, das mir zu Hause kaum eingefallen wäre. In Europa bleibt mir Albanien fremd, in Amerika wird es zu etwas Vertrautem.

Es kommt vor, dass ich darüber nachdenke, was wirklich typisch europäisch ist. Sehr viel kann ich da nicht auftischen: ein Streichquartett vielleicht; einen guten Château-Wein; ein KZ. Und dann vielleicht einen Vogel, die Amsel, über ganz Europa verbreitet, aber sonst auf dieser Welt kaum vorhanden, höchstens als ausgesprochene Seltenheit.

Diesen Vogel findet man aber sowohl in Goethes Wald wie in den Hinterhöfen jeder europäischen Großstadt. Ein schwarzer, unansehnlicher Vogel, doch ein wunderbarer Sänger, zu buchstäblich halsbrecherischen, melancholischen Improvisationen fähig, als Wappentier Europas bestens geeignet.

Wer sind wir?

Dennoch – vier Merkmale für das typisch Europäische sind nicht sehr viel. Und es war doch noch etwas da, was ich aber inzwischen vergessen habe, und wahrscheinlich ist ebendiese Vergesslichkeit auch ein europäisches Merkmal.

Hat dieses Europa Zukunft? Sicher. Aber sicher ist wohl auch, dass Europa mehr Vergangenheit als Zukunft hat, dass wir zum Teil an dieser Vergangenheit festkleben, die wir vergessen haben, gerade um uns mit der Zukunft zu befassen. Und dauernd fragen wir uns, wer wir sind, obwohl wir hätten wissen müssen, woher wir kommen.

Unlängst war ich in St. Petersburg (Ist Russland Europa? Vielleicht ab und zu oder fleckenweise, aber ohne richtige Überzeugung), um über Europa zu diskutieren, was für gewöhnlich mit Verwirrung und ebendieser Frage, wer wir eigentlich sind, endet. Eine kluge amerikanische Historikerin – sie weiß mehr über Europa als wir Europäer – hat mich gefragt, warum wir uns in Europa immer wieder diese Frage stellen. Wer sind wir?

In Amerika stellen wir uns diese Frage nie, sagte sie.

Ich habe ihr zugestimmt. Die Frage "Wer sind wir?" ist eine sehr europäische Frage, keine amerikanische und, wie ich vermute, auch keine chinesische. Diese kluge junge Dame, die mehr über Europa als die Europäer weiß, wird aber nie – wenn sie es aus irgendeinem Grund vorhätte – zu einer Europäerin werden. Zum Amerikaner kann man werden, Europäer aber ist man – oder man ist es nicht. Auch sie weiß das. Ich auch.

Und es wurde mir in St. Petersburg wieder einmal bestätigt, als ich dort mit ihr zusammen gegessen habe und sie auf amerikanische Art und Weise das Messer nur zum Schneiden verwendete und dann zur Seite legte, um ausschließlich die Gabel beim Essen zu verwenden. Wenigstens seit Norbert Elias wissen wir, dass ein Europäer mit Gabel und Messer speist.

Und dennoch fragen wir uns ständig, wer wir sind. Das gab mir zu denken. Und ich dachte, es muss wohl mit den beiden Weltkriegen zu tun haben, eigentlich europäische Bürgerkriege, wenn Europa Hand an sich selbst gelegt hat. Wer sonst auf dieser Welt hat so etwas getan? So gründlich und fast vernichtend? Auch das ist wohl etwas für uns Typisches und Einzigartiges, eine Art selbstzerstörerische Extravaganz. Und dabei ist Europa nur ein westliches Zipfelchen, ein Vorhof der riesigen asiatischen Landmasse.

Leben im Provisorium

Diese fürchterlichen Kriege haben uns tief in unserem europäischen Bewusstsein geschadet und verunsichert. Klingt es düster? Aber es ist schon fast ein Mirakel, dass wir uns von diesem 20. Jahrhundert doch einigermaßen erholen konnten. Seitdem leben wir in einem Provisorium.

Das heutige Europa – EU – war nur als Friedensprojekt möglich, und daran wird sich nichts ändern; nur so wird Europa bestehen können. Bloß scheint es mir, dass die jungen Europäer es nicht mehr wissen oder vergessen haben.

Oder sie haben es verdrängt – denn auch Sigmund Freud, wir dürfen es nicht vergessen, wäre ohne Europa völlig undenkbar. (Richard Swartz, 20.6.2016)

Richard Swartz (70) ist schwedischer Autor und Osteuropa-Korrespondent, seit 1976 Wohnsitz in Wien. Schreibt seit 2009 Kommentare im "Dagens Nyheter", seit den 1990ern Belletristik, z. B. "Wiener Flohmarktleben" (Zsolnay, 2015).

  • Das Stockholmer Schloss, ein Barockbau, wird nicht mehr bewohnt, sondern dient dem König vor allem im Rahmen seiner Pflichten als Staatsoberhaupt Schwedens.
    foto: istock / tomas sereda

    Das Stockholmer Schloss, ein Barockbau, wird nicht mehr bewohnt, sondern dient dem König vor allem im Rahmen seiner Pflichten als Staatsoberhaupt Schwedens.

  • Richard Swartz ist schwedischer Autor und Osteuropa-Korrespondent, seit 1976 hat er seinen Wohnsitz in Wien.
    foto: picturedesk / laif / kirchgessner

    Richard Swartz ist schwedischer Autor und Osteuropa-Korrespondent, seit 1976 hat er seinen Wohnsitz in Wien.

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