Madame Lagardes Hymne auf Europa

17. Juni 2016, 17:55
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Die Chefin des Währungsfonds hat in Wien für ein vereintes Europa geworben. Die Flüchtlinge könnten die Wirtschaft der Union stärken

Wien – Die Flüchtlingskrise in Europa und das geplante Freihandelsabkommen der EU mit den USA (TTIP) zählen derzeit zu den am hitzigsten diskutierten Themen in der österreichischen Politik. Am Freitag hat die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, anlässlich eines Wienbesuches ihre Sicht auf die Flüchtlings- und Freihandelsfragen dargelegt.

Die Französin nutzte den Auftritt gemeinsam mit Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) dabei zu einem Grundsatzplädoyer für ein vereinigtes Europa, das ihrer Meinung nach mehr auf Offenheit, denn auf Abschottung setzen sollte.

Handelsabkommen von Nutzen

Beispiel TTIP: Es sei wichtig, dass die politischen Verantwortlichen in Europa klar darauf hinweisen, dass der geplante Vertrag mit den USA und andere Handelsabkommen der Mehrheit der Bevölkerung von Nutzen seien. Mehr als 30 Millionen Jobs in der EU würden schließlich von Exporten abhängen, so Lagarde.

Insgesamt vermied die frühere französische Finanzministerin in ihrer Rede geschickt jede Art von Kritik. Sie erteilte auch keine Ratschläge, weshalb sie nicht belehrend wirkte. Stattdessen lobte sie die Stärken des Kontinents. So unterließ es die IWF-Chefin zum Beispiel, beim Thema Brexit über mögliche Folgen eines Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union zu sprechen.

Großbritannien hat profitiert

Sie legte aber ausführlich dar, dass die britische Wirtschaft von der Öffnung und Annäherung an Europa massiv profitiert habe. Großbritannien sei dank der EU nicht nur reicher geworden. "Die britische Wirtschaft ist heute diverser und interessanter als zuvor", so Lagarde. Die Brexit-Debatten drehen sich stark um Migration. Vor allem die Befürworter eines Austritts Großbritanniens argumentieren, dass nach einem EU-Exit deutlich weniger Einwanderer ins Land kämen. Die Migranten von außerhalb und aus Europa haben Großbritannien "kreativer" gemacht, sagte dagegen die IWF-Chefin.

Im gleichen Tonfall ging es in der Flüchtlingsfrage weiter. Lagarde bedankte sich bei jenen "Österreichern, Deutschen und Schweden", die ihre "Heime und Herzen" für Flüchtlinge geöffnet haben. "Diese Menschen verfügen über eine humanistische Grundhaltung, die andere auf dem Kontinent und weit darüber hinaus inspiriert hat."

Flüchtline von Vorteil

Die Analysen des Währungsfonds legen nahe, dass die Flüchtlingsbewegung Europa einen wirtschaftlichen Nettovorteil bringen wird, so die Französin. Dabei dürften keine Arbeitsplätze von Einheimischen verlorengehen. Lagarde bezog sich mit diesen Aussagen auf eine Untersuchung des IWF aus dem Jänner 2016. Die zusätzlichen Ausgaben der EU-Länder für die Versorgung der Flüchtlinge wirken wie ein Konjunkturpaket, urteilte der IWF damals.

In Österreich werde das Wachstum daher laut dem Fonds im Jahr 2017 um 0,5 Prozentpunkte höher ausfallen als ohne die Flüchtlingsbewegung. In dem Papier wurde auch bezweifelt, dass es zwischen Flüchtlingen und Inländern zu einem Verdrängungswettbewerb kommt. Die Asylwerber würden in andere, tiefere, Segmente des Arbeitsmarktes drängen.

Einlagen gemeinsam sichern

Allerdings beruft sich der IWF bei dieser Einschätzung nur auf ältere Forschungsarbeiten. Die positiven Effekte auf das Wachstum wird es laut Fonds nur geben, wenn die Integration der Flüchtlinge gelingt. Darauf drängte auch Lagarde: Entscheidend sei nun, dass die Menschen schnell am Arbeitsmarkt und in Schulen unterkommen.

Die IWF-Chefin lobt zudem, dass Europa bei der Bewältigung der Krise viele Fortschritte gemacht habe. Nach wie vor gebe es zwar viele Probleme. In Spanien sinke die Arbeitslosigkeit, die irische Wirtschaft wachse rapide. Der Kontinent habe sich also stark gezeigt angesichts der Herausforderungen. Sie habe daher kein Interesse an Schwarzmalerei, die ohnehin ständig von den Medien zwecks Auflagenoptimierung betrieben werden.

Das war schon das Einzige, was bei Lagarde nach einer Kritik klang. Was die Europäer jetzt angesichts all der Herausforderungen brauchen, ist ganz klar, sagte Lagarde zum Schluss: "Mehr Zeit zum Fußballschauen." (szi, 17.6.2016)

  • Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde und Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) bei ihrem Auftritt am Freitag in Wien. Im Fokus stand auch ein möglicher Brexit.
    foto: apa / georg hochmuth

    Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde und Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) bei ihrem Auftritt am Freitag in Wien. Im Fokus stand auch ein möglicher Brexit.

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