Zwölf-Stunden-Tag muss möglich werden

Blog19. Juni 2016, 09:22
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Österreichs rigide Arbeitszeitregeln sind das größte Ärgernis für moderne Unternehmen und gehören dringend gelockert

Auf einer Podiumsdiskussion über den "Unternehmer als Lebenskünstler", die ich vergangene Woche moderierte, gab es auf die Frage, welche der vielen Regulierungen für Unternehmen die unangenehmste ist, eine klare Antwort: Der Zehn-Stunden-Tag, der es den meisten Arbeitgebern verbietet, Arbeitnehmer auch nur ausnahmsweise länger zu beschäftigen.

In einer STANDARD-User-Umfrage vor der Diskussion stimmten 80 Prozent der Aussage zu, dass Unternehmer manchmal keine Wahl haben, als gewisse Gesetze und Vorschriften zu verletzen.

Vorschrifften müssen verletzt werden

Diese beiden Positionen hängen eng zusammen: Die heute bestehenden Arbeitszeitvorschriften sind für viele Branchen so problematisch und realitätsfern, dass sie regelmäßig gebrochen werden – und das trotz empfindlich hoher Verwaltungsstrafen für die verantwortlichen Manager.

Es ist kein Zufall, dass ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner genauso wie der ÖAAB und der gerade wieder gewählte Industriellenvereinigungspräsident Georg Kapsch den Zwölf-Stunden-Tag trommeln: In dieser Frage haben die Befürworter einer Liberalisierung eindeutig recht.

Niemand muss bis zum Umfallen arbeiten

Der Widerstand in der Gewerkschaft, der SPÖ und in weiten Teilen der Bevölkerung basiert auf einem Missverständnis: Ein Zwölf-Stunden-Tag würde nicht bedeuten, dass Arbeitnehmer regelmäßig bis zum Umfallen werken müssen, und das vielleicht sogar unbezahlt. Aber in Ausnahmesituationen muss es möglich sein, noch eine Abendschicht anzuhängen, auch wenn man schon seit der Früh tätig ist.

Das weiß jeder Journalist, der auch nicht mittendrin nach Hause geht, wenn eine Geschichte brennt. Das erlebt jeder Parlamentsmitarbeiter an langen Plenartagen. Das wissen Mitarbeiter in Wirtschaftsprüfungskanzleien in den Tagen vor dem Jahresabschluss, Finanzleute vor der Budgeterstellung, Designer und Zeichner vor der vertraglich vereinbarten Lieferung, und viele andere.

Selbständige dürfen, Angestellte nicht

Freie Mitarbeiter und Selbstständige dürfen so lange arbeiten wie sie wollen, aber ein Betrieb, der nicht alle etwas intelligenteren Tätigkeiten nach außen vergeben hat (was Gewerkschaften ja vermeiden wollen), muss auch Angestellte zeitflexibel einsetzen können.

Eine solche Mehrarbeit muss dann durch mehr Freizeit ausgeglichen werden, insgesamt steigt die Arbeitsbelastung nicht.

Relikt des Industriezeitalters

Österreichs strikte Arbeitszeitregeln stammen aus dem Industriezeitalter. Tatsächlich sollte niemand länger als zehn Stunden eine Maschine bedienen, aber im Dienstleistungsbereich ist manchmal Kontinuität wichtiger als ausgeruht zu sein. Auch ein gut organisierter Betrieb kann nicht um sieben am Abend den Mitarbeiter einfach ersetzen, wenn das Projekt noch nicht fertig ist.

Früher konnte man sich darüber leicht hinüberschwindeln, indem man informell einmal länger und dann wieder kürzer arbeitete. Das passiert auch heute noch, weil es nicht anders geht. Aber seit der Verschärfung der Aufzeichnungspflichten bei der Arbeitszeit ist das schwieriger und gefährlicher.

Schaden für die Arbeitnehmer

Und das schadet auch vielen Arbeitnehmern. Sie werden gedrängt, falsche Arbeitszeiten anzugeben – und tun das auch bereitwillig, weil sie ja selbst daran interessiert sind, dass die Arbeit erledigt wird – und riskieren dadurch, für die Mehrarbeit nicht ordentlich entlohnt zu werden. Die Stunden der Abendschicht dürfen nirgendwo aufgezeichnet werden, sie nachzuweisen ist schwierig.

Es gibt zwar Ausnahmen, die zuletzt ein wenig ausgeweitet wurden, etwa für Dienstreisen. Aber die meiste Zeit ist die Zehn-Stunden-Grenze, die in Wirklichkeit niemanden schützt, strikt einzuhalten.

Ein gutes Thema für Kanzler Kern

Wenn Bundeskanzler Christian Kern ein Thema sucht, wo er der ÖVP entgegenkommen und Wirtschaftsnähe beweisen kann, dann wäre das die Ausweitung der Zehn-Stunden-Grenze auf zwölf Stunden. Das ist auch EU-rechtskonform und würde niemanden schaden.

Im Gegenzug kann er dann traditionelle sozialdemokratische Anliegen wie Wertschöpfungsabgabe und Arbeitszeitverkürzung mit gutem Gewissen vertreten. (Eric Frey, 19.6.2016)

  • "Arbeit und Alltag" heißt diese Ausstellung in Essen im Ruhrgebiet. Die Länge des Arbeitstages war immer schon ein Zankapfel.
    foto: epa/weihrauch

    "Arbeit und Alltag" heißt diese Ausstellung in Essen im Ruhrgebiet. Die Länge des Arbeitstages war immer schon ein Zankapfel.

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