Nese Yasin: Der europäische Wald

22. Juni 2016, 11:38
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Über eine verrückte Idee, einen nicht realisierten Traum und das schwierige Ringen um eine gemeinsame Identität

Für die meisten von uns Zyprern, unabhängig von unseren politischen Einstellungen, war die Europäische Union stets ein Traum. In einem Land, das unter seiner Teilung leidet, ist Vereinigung ein magisches Wort. Die Philosophie der Europäischen Union war für uns sogar wichtiger als ihre wirtschaftlichen Vorteile.

Die EU sahen wir als Friedensprojekt. Sie vereint Staaten. Wir sollten befreit werden von unseren Schutzmächten Türkei, Griechenland und Großbritannien, die uns in der Geschichte Leid zugefügt hatten, doch wir sollten mit einigen davon auch gleichberechtigt in derselben Union leben. Dieses Thema hatte viele Ebenen, und fast alle erschienen uns positiv. Europa sahen wir als unseren Retter.

Der 3. Juni war der Todestag des berühmten türkischen Dichters Nâzim Hikmet, und zum ersten Mal wurde er von beiden Seiten begangen. Türkische und griechische Zyprioten kamen in Famagusta im Nordteil der Insel zusammen, um seine Gedichte zu rezitieren.

Im Zusammenhang mit den Texten von Nâzim Hikmet hat mich ein griechisch-zyprischer Doktor einmal um Mithilfe bei der Umsetzung einer verrückten Idee gebeten: Sie bestand darin, Verse von Nâzim Hikmet auf das Pentadaktylos-Gebirge zu projizieren, wo eine riesige türkische Flagge aufgemalt ist. Die Verse sollten diese Flagge verdecken, die durch ihre symbolische Bedeutung nur Zwietracht säte. Einer der Verse, die wir dafür auswählten, war dieser:

Leben! Jeder einzeln und frei wie ein Baum und alle brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.

Für mich war dieses Gedicht eine Analogie zur Europäischen Union. Einheit in Vielfalt. Wir haben unser Projekt nie verwirklicht, doch in meinen Träumen sah ich die Verse von Nâzim Hikmet von diesem Berg leuchten. Wir sind Mitglieder der EU geworden, aber das half uns nicht dabei, unser eigenes Land zu vereinen.

Das Problem besteht darin, dass die Welt nicht von philosophischen Ideen regiert wird, sondern von Geld. In unserer Welt sind Zahlen mehr wert als Worte, Länder werden regiert wie Firmen. Was heute in der Europäischen Union geschieht, ist eine Enttäuschung, verursacht durch die Regeln des Neokapitalismus.

Keine gemeinsame Identität

Der Traum von einem geeinten, liberalen und demokratischen Europa scheiterte aus mehreren Gründen. Der Europäischen Union ist es nicht gelungen, eine gemeinsame Identität aufzubauen. Der Wald aus Hikmets Gedicht wurde nie Realität. Trotz aller Wahlen: Die Völker Europas sind bei Entscheidungsprozessen nicht aktiv genug.

Andererseits erfolgte bei ihnen eine innere Radikalisierung, die auch in ihrer Einstellung zur EU sichtbar wurde. Die Mitte-links- und Mitte-rechts-Parteien haben mit ihrer Wirtschaftspolitik enttäuscht und deshalb Kraft und Einfluss verloren. Diese Radikalisierung hat ihre guten und ihre schlechten Seiten, doch sie macht es fast unmöglich, in Grundsatzfragen zur Union einen Konsens zu erzielen und eine gemeinsame Politik aufzubauen.

Das wirtschaftliche Scheitern ist auf die neokapitalistische Politik zurückzuführen, die niemals für die Benachteiligten eintritt. In einem solchen Wald gibt es keinen Platz für schwächere Pflanzen – diese werden dort eher entwurzelt. Das ist nicht der Wald, von dem der Dichter träumte. Es ist vielmehr einer jener dunklen Wälder, in denen viele Gefahren lauern, ganz wie in den Märchen der Gebrüder Grimm. Es ist eher ein deutscher Wald.

Die Zyprioten wurden inspiriert von der Geschichte der Europäer. Die Verteidiger der Europäischen Union brachten immer das Beispiel Frankreichs und Deutschlands, die so viele Jahre gegeneinander gekämpft hatten und eines Tages ihre Grenzen öffneten, um ein Leben in Einheit und Frieden zu beginnen. Neben der Wirtschaft und der Kultur wollten sie auch die Friedenspolitik auf eine europäische Ebene bringen.

Nun sieht es so aus, als ob Zypern und Europa einander auch deshalb näherkommen, weil auch in Europa Konflikte und diplomatische Krisen zunehmen.

Der Traum lebt dennoch weiter. Ein anderes Europa ist möglich! (Nese Yasin, 20.6.2016)

Nese Yasin (57), geboren im türkischen Norden Zyperns, studierte Soziologie in Ankara, lebt seit 1997 im Süden der Insel. Die Schriftstellerin und Friedensaktivistin erhielt 1978 als erste türkische Zyprerin den Kulturpreis der Republik Zypern. Foto: Reuters

Übersetzung aus dem Englischen von Gerald Schubert

  • Das aus Kalksteinblöcken errichtete Odeon von Paphos stammt aus dem zweiten Jahrhundert. Der Sage nach ging Aphrodite nach ihrer Geburt auf Zypern an Land.
    foto: getty images / istock / lucky-photographer

    Das aus Kalksteinblöcken errichtete Odeon von Paphos stammt aus dem zweiten Jahrhundert. Der Sage nach ging Aphrodite nach ihrer Geburt auf Zypern an Land.

  • Die Schriftstellerin Nese Yasin, geboren im Norden Zyperns, studierte Soziologie in Ankara, lebt seit 1997 im Süden der Insel.
    foto: reuters / andreas manolis

    Die Schriftstellerin Nese Yasin, geboren im Norden Zyperns, studierte Soziologie in Ankara, lebt seit 1997 im Süden der Insel.

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