Ärzte ohne Grenzen: "Jetzt hat die EU einen Partner weniger"

Interview17. Juni 2016, 17:50
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Österreich-Geschäftsführer Mario Thaler über die Entscheidung der Hilfsorganisation, keine EU-Gelder mehr anzunehmen

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen nimmt ab sofort keine Gelder mehr von der EU und ihren Mitgliedstaaten an – als "Zeichen gegen die menschenunwürdige Vorgehensweise und die verstärkten Bemühungen der EU, Menschen und ihr Leid vom europäischen Festland fernzuhalten". Das wurde am Freitag in einer Aussendung mitgeteilt. Für den Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich, Mario Thaler, war es eine "Gewissensentscheidung".

STANDARD: Normalerweise hält sich Ärzte ohne Grenzen strikt aus politischen Entscheidungen heraus. Warum setzt man jetzt so ein eindeutig politisches Zeichen?

Mario Thaler: Wir machen dann auf Auswirkungen von Gesetzen aufmerksam, wenn sie unsere Patienten betreffen. Wenn wir in Afrika Regime kritisieren, werden wir bewundert. Ich sehe nicht ein, warum wir das in Europa nicht machen sollen, wenn eine inhumane Politik verfolgt wird.

STANDARD: Was will man bewirken? Der EU wird es nicht wehtun, wenn man ihr Geld erspart, oder?

Thaler: Es geht nicht darum, der Union wehzutun. Wir wollen ein Zeichen setzen. Die EU höhlt die humanitären Prinzipien aus. Das ist eine Gewissensentscheidung, dass wir keine Gelder mehr annehmen. Auch die EU braucht Partner, die für sie die Versorgungsprogramme umsetzen. Jetzt hat sie einen weniger.

STANDARD: Der Stopp der Gelder betrifft nicht nur die EU-Institutionen, sondern auch Norwegen?

Thaler: Er betrifft EU-Institutionen, wie Echo, alle EU-Mitgliedsstaaten und Norwegen. Denn das Land ist im Schengenraum, Teil von Frontex und hat diesen Deal vehement mitgetragen.

STANDARD: Es geht um rund 60 Millionen Euro jährlich, die fehlen. Sind Projekte in Gefahr?

Thaler: Wir haben Reserven für Katastrophen. Wir können hundertprozentig versichern, dass wir heuer alle Projekte wie geplant fortsetzen können. Nachdem wir zu 92 Prozent aus Privatmitteln finanziert werden, machen die EU-Gelder insgesamt einen relativ kleinen Teil aus. Unser Management muss sich überlegen, wie man mehr Spenden lukrieren und Ausgaben reduzieren kann. Projekte werden aber ganz zuletzt betroffen sein.

STANDARD: Betrifft der Spendenstopp nur Finanzierungen, die künftig fällig sind?

Thaler: Für dieses Jahr wurden bereits Verträge von etwas mehr als 40 Millionen Euro abgeschlossen. Weitere Verträge von zwölf Millionen sind geplant. Die werden nicht mehr abgeschlossen. An die anderen Verträge sind wir gebunden, schauen uns aber an, ob wir manche rückabwickeln können. Ich gehe aber nicht davon aus, dass die EU demnächst ihren Kurs grundlegend ändern wird, also wird der Stopp auch die kommenden Jahre anhalten. (Bianca Blei, 17.6.2016)

Mario Thaler ist seit 2011 Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich. Davor leitete er zwei Jahre lang die Abteilung Finance and Administration.

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