Peter Stephan Jungk: Der Ruinenblick

21. Juni 2016, 08:59
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Über die frühe Utopie eines vereinten Kontinents, zweifelnde Europaphorie und einen Traum, der nur noch Wunschtraum ist

Graf Richard Coudenhove-Kalergi, ein guter Bekannter meines Vaters, bat uns nicht selten an Sonntagen zum Mittagessen ins Hotel Sacher. Ein liebenswürdiger, sanfter Mann. Uralt kam er mir, dem Elf-, Zwölfjährigen, vor, obwohl er damals, Mitte der 1960er-Jahre, wohl erst siebzig war.

Seine Haut wirkte durchsichtig, die japanische Herkunft mütterlicherseits war seinen Zügen, seinem Wesen anzumerken. Coudenhove schien sich nicht bloß für Belange zu interessieren, die Robert Jungk umtrieben, er widmete sich aufmerksam auch meinen lächerlichen Schulproblemen.

Mir imponierten seine Erzählungen: Er kannte Einstein, die Brüder Mann, Werfel, Zweig. Hitler wollte ihn im März 1938 gleich erschießen lassen, rechtzeitig gelang ihm die Flucht nach Amerika. Coudenhove schenkte mir eine Erstausgabe seines 1923 verfassten "Paneueropäischen Manifests", in dem er seine revolutionären Ideen zu einer Einigung Europas formuliert hatte.

Ein damals vollends utopischer Gedanke: Die Völker Europas, die einander im Ersten Weltkrieg gerade noch verfeindet gegenübergestanden waren, könnten eines Tages politisch und wirtschaftlich zu einer friedlichen Gemeinschaft zusammenfinden. Coudenhove war der festen Überzeugung, aus der 1957 von sechs Mitgliedern gegründeten EWG – Vorstufe zur Erfüllung seines Traums – werde eines Tages das vereinigte Europa aller Teilstaaten hervorgehen.

Heimat der vielen Orte

Er starb 1972, zwanzig Jahre vor dem Vertrag von Maastricht, der de facto Konsolidierung der Europäischen Union, die heute 28 Mitgliedstaaten umfasst. Viele seiner Ideen sind Wirklichkeit geworden, allen Widerständen zum Trotz. Ich lebe seit bald dreißig Jahren in Paris und empfinde Heimatgefühl für die schottischen Hebriden ebenso wie für sizilianische Dörfer, für die griechischen Inseln wie für das südschwedische Hochland; ich unterscheide nicht zwischen Nationen, ich sehe keine Grenzen mehr.

Als Österreich der EU beitrat, bewarb ich mich um die österreichische Staatsbürgerschaft, besaß bis dahin nur einen amerikanischen Pass. Österreicher geworden zu sein erlaubt es mir, in Frankreich zu leben, ich muss nicht mehr jedes Jahr um eine fremdenpolizeiliche Verlängerung meiner Aufenthaltserlaubnis ansuchen.

Doch in den letzten Monaten ist meine Europaphorie immer heftigerem Zweifel ausgesetzt – ich ertappe mich bei einem Ruinenblick, der das sorgsam gebildete Bündnis in sich zusammenbrechen lässt – wie das Klischee vom Kartenhaus, wie die Hochhäuser aus Biertellern, die ich so gerne errichte.

Vor wenigen Wochen: Frühstück in kleinem Kreis, mit dem Präsidenten des französischen Senats. Versehentlich stand auf der Tischkarte unter meinem Namen: Allemagne. Was dazu führte, dass Monsieur Gérard Larcher, ein rotbackig-jovialer, stark übergewichtiger Politiker der Republikaner, mich konstant als Vertreter Deutschlands ins Visier nahm. Selten zuvor habe ich eine vermeintliche Zugehörigkeit als unangenehmer empfunden.

Er beklagte, die Achse Paris-Berlin sei seit Nicolas Sarkozys Abwahl 2012 nicht mehr intakt. Wäre sie noch intakt, fragte ich daraufhin, hätte Frankreich die Hälfte der Million Menschen aufgenommen, die im Verlauf des vergangenen Jahres ihre Herkunftsländer verlassen mussten und nach Europa geflohen sind? Er lachte laut auf: "Die wollen doch alle nur zu Ihnen, nach Deutschland! Keiner will in Frankreich bleiben! Kein Einziger!"

Düsteres Zukunftsbild

Sie wollen allerdings keineswegs "nur nach Deutschland", sie wollen nach Großbritannien. (Michael Haneke dreht ab Ende Juni nahe Calais einen Film, der, zumindest am Rande, um das Thema kreist.) Das vereinte Europa geht wohl bei der Brexit-Abstimmung nicht unter, aber das Ergebnis wird – um ein vornehmeres Wort zu wählen – immens knapp ausgehen.

Mein Zukunftsgefühl könnte düsterer nicht aussehen: Die Krise des vereinten Europa wird nach dem 23. Juni 2016 nicht überstanden sein. In fünf, spätestens zehn Jahren wird es zum Ausscheren Großbritanniens, zum Ausschluss Griechenlands, womöglich weiterer Länder kommen.

In mehreren Staaten der EU werden rechtspopulistische Parteien regieren, womöglich von Donald Trump, sicherlich von Wladimir Putin unterstützt und beglückwünscht. Und die Grenzen aller europäischen Nationen werden bewacht sein, Festungen gleich, weit umfangreicher kontrolliert als vor dem Jahr 1995, da der Schengenraum das freie, passlose Reisen ermöglichte.

Der Traum der Europa-Enthusiasten, zu denen ich mich zähle, der Traum Richard Coudenhove-Kalergis, wird sich in einen hehren Wunschtraum zurückverwandeln. (Peter Stephan Jungk, 20.6.2016)

Peter Stephan Jungk (63) ist österreichisch-US-amerikanischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Dokumentarfilmer, Übersetzer. 2015 erschien "Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart" (S. Fischer), derzeit arbeit er er an einem Dokumentarfilm dazu. Foto: Lillian Birnbaum

  • Der Eiffelturm, 324 Meter hoch, wurde für die Weltausstellung 1889 in Paris anlässlich des 100. Jahrestages der Französischen Revolution erbaut.
    foto: apa /afp / joel saget

    Der Eiffelturm, 324 Meter hoch, wurde für die Weltausstellung 1889 in Paris anlässlich des 100. Jahrestages der Französischen Revolution erbaut.

  • Peter Stephan Jungk (63) ist österreichisch-US-amerikanischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Dokumentarfilmer, Übersetzer.
    foto: lillian birnbaum

    Peter Stephan Jungk (63) ist österreichisch-US-amerikanischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Dokumentarfilmer, Übersetzer.

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