Elia Barceló: Man muss es richtig wollen

20. Juni 2016, 09:54
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Über vermeintlich verrückte Ideen, den Wunsch, zu den eigenen Schafen zurückzukehren, und hoffnungsvolle Modellbeispiele

Alles ist eine Frage der Liebe – oder besser: dass man sich verliebt. Und dann noch Fantasie. Man füge noch Arbeit und Mut hinzu, und es gibt nur sehr wenige Dinge, die die/wir Menschen nicht tun können, wenn wir/sie wirklich wollen, dass sie geschehen. Der Punkt ist, dass man es richtig wollen muss, man muss sich in eine Idee verlieben und alle notwendigen Schritte unternehmen, um sie zu verwirklichen.

In Europa ist uns das viele Male passiert, und viele Ideen, die ursprünglich unmöglich schienen, wurden Wirklichkeit: dass die Menschen das Recht haben, ihr Glück in dieser Welt selbst zu bestimmen; dass die Regierungen demokratisch gewählt werden; dass es auf der ganzen Welt das Wahlrecht für Männer und Frauen gibt – und alle Stimmen gleich zählen; dass die Religion ein Recht ist, aber keine Pflicht; dass die Agnostiker und Atheisten genauso respektiert werden wie die, die eine Religion praktizieren; dass über die Sexualität frei verfügt werden und jeder Bürger sein Geschlecht bestimmen kann, unabhängig davon, mit welchem Körper man geboren ist.

Diese und viele anderen Ideen, die anfangs verrückt schienen, haben wir nun so weit verinnerlicht, bis zu dem Punkt, dass sogar unsere Gesetze für sie geändert wurden. Und damit haben wir gezeigt, dass Pluralität nicht im Chaos endet, wie man uns in meiner Kindheit im Spanien der Franco-Zeit glauben machen wollte, sondern dass genau das Gegenteil eintritt: Wohlstand, friedliches Zusammenleben, eine vielseitigere und fortschrittlichere Gesellschaft.

Langsam verlieben

Viele neue Ideen verschrecken große Teile der Bevölkerung, wenn sie traditionellen Werten widersprechen oder diese angreifen. Daher ist es wesentlich, dass diese häufig und mit großer Klarheit vorgestellt werden, damit sich die Leute langsam in sie verlieben können.

Ein vereintes, grenzfreies Europa mit einer einheitlichen Währung und einer gemeinsamen Zukunft war für lange Zeit eine Utopie, von der nur wenige geglaubt haben, dass sie möglich ist. Zweifelsfrei hat sie sich in den vergangenen Jahren bis zu dem Punkt entwickelt, dass uns in den meisten Teilen Europas ihre Existenz offensichtlich zu sein scheint, so selbstverständlich wie das demokratische Fundament, mit dem der Staat unsere Freiheiten garantiert, und sie erscheint uns auch so natürlich wie die Jahreszeiten.

Deshalb ist es wichtig, schon ab dem Kindergarten in Erinnerung zu bringen, dass diese Freiheiten und diese Rechte mit viel Anstrengung, Einbildungskraft, Arbeit und Kampf erworben wurden.

Wenn ich heute Parteien sehe, die sich für einen EU-Austritt einsetzen und versuchen, Wählerstimmen zu bekommen, indem sie die Angst als Instrument missbrauchen, dann erscheint mir dieser Wunsch, in die Dörfer zu den eigenen Schafen zurückzukehren, verdächtig.

Frage des Wollens

Ich gestehe zu, dass die Migrationsbewegungen uns in einem Moment überraschend erwischt haben, in dem Europa noch nicht so konsolidiert ist, dass man mit Leichtigkeit so viele traumatisierte Personen aufnehmen kann, die überdies aus Kulturen und Religionen kommen, mit denen wir nicht gewohnt sind zusammenzuleben.

Aber ich bin überzeugt, dass wir das schaffen können, dass es mehr als alles andere eine Frage des Wollens ist. In allen Ländern der Union gibt es Beispiele, wie man eine Krise dieser Größenordnung bewältigen kann. In allen Teilen der Union gibt es Musterbeispiele, wie man mit einer Krise dieser Spannbreite umgehen kann. Überall gibt es Beispiele für Solidarität, Zivilcourage, Fantasie, um die drängendsten Probleme zu lösen.

Es ist unabdingbar, dass die Kommunikationsmedien zusammenarbeiten, um die Idee zu verbreiten, dass es sich nicht um unlösbare Probleme handelt. Man kann vieles machen, das unmöglich erscheint, wenn wir alle wollen, dass sich die Realität ändert. Die Rechte der Könige und der Aristokraten erschienen auch unantastbar, und dennoch sind sie verschwunden.

Uneheliche Kinder waren Bürger zweiter Klasse. Homosexuelle wurden eingesperrt und sogar hingerichtet. Frauen lebten den Männern unterworfen, und allen, Frauen und Männern, wurde eine Religion diktiert, die sie nicht gewählt haben und von der sie sich auch nicht verabschieden konnten.

Raum für die Vielfalt

Wir haben in letzter Zeit viel erreicht und können noch viel mehr erreichen, wenn wir weiterhin für die Idee eines vereinten, starken und freien Europa brennen, wo Raum ist für viele Meinungen und verschiedene Lebensformen, wo die Bürger sich vereinen und ihre Ansichten öffentlich verbreiten können ohne Furcht vor Strafe und Repressalien; wo man keinen "starken Mann" erwarten muss, der uns im Tausch gegen unsere beschnittenen Rechte vor nichts rettet.

Für all das muss Europa präsent bleiben, und im Alltag in positiver Weise als Botschaft bei allen ankommen, damit klar ist, dass Grenzschließungen und die Errichtung neuer Mauern nicht die Lösung sind, die wir brauchen, wenn die Rede davon ist.

Wenn wir wollen, wenn wir fortfahren, die Idee Europa zu lieben, dann werden wir eine pluralistische, friedliche, freie und geistreiche Gesellschaft erreichen, die mit Arbeitseifer Lösungen entwickelt für Probleme, die auf uns zukommen – und das werden sie sicher tun, denn so ist das Leben. Die Frage lautet genau so: Wollen wir? (Elia Barceló, 18.6.2016)

Elia Barceló (59) ist eine spanische Schriftstellerin und Literaturwissenschafterin, die fantastische Romane und Erzählungen, Science-Fiction und Jugendbücher schreibt, in Innsbruck lebt und dort an der Universität spanische Literatur, Landeskunde und Creative Writing unterrichtet.

Übersetzung aus dem Spanischen von Alexandra Föderl-Schmid

  • Im Zentrum der Plaza Mayor, des Hauptplatzes von Madrid, steht ein Reiterstandbild zu Ehren des spanischen Königs Philipp III. (1578-1621).
    foto: istock / sedmak

    Im Zentrum der Plaza Mayor, des Hauptplatzes von Madrid, steht ein Reiterstandbild zu Ehren des spanischen Königs Philipp III. (1578-1621).

  • Elia Barceló, spanische Schriftstellerin und Literaturwissenschafterin: "Europa muss präsent bleiben und im Alltag in positiver Weise als Botschaft bei allen ankommen."
    foto: barceló

    Elia Barceló, spanische Schriftstellerin und Literaturwissenschafterin: "Europa muss präsent bleiben und im Alltag in positiver Weise als Botschaft bei allen ankommen."

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