Márta Nagy & Lajos Adamik: Dasselbe auf Englisch, bitte

22. Juni 2016, 11:37
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Über die befreiende Wirkung schwindender Grenzen, den modernen Garten Eden und die kostbare Arbeit der Übersetzer

Wir werden die Euphorie nie vergessen: das Glücksgefühl auf der ganzen Fahrt mit unserem österreichischen Freund nach Selmecbánya / Banská Stiavnica / Schemnitz, nur ein paar Tage nach dem EU-Beitritt Ungarns und der Slowakei; die befreiende Wirkung der schwindenden Grenzen, das Aufgelöstsein bereits in Budapest während der Beitrittsfeierlichkeiten, die fröhlichen Menschen auf der mit Gras belegten Freiheits- und der Wasserkaskaden in die Donau sprühenden Elisabethbrücke oder den dynamischen Kurzauftritt einer Malteser Popband namens Beangrowers, die insofern auch aus Ödenburg hätte sein können – wo man ja einst die deutschsprachigen Stadtbauern Poncichter genannt hat.

Nach kurzen zwölf Jahren ist von dieser Euphorie nicht viel geblieben. Trotz abermaliger Erweiterungsrunden und weiterer Beitrittspläne kann einem derzeit eigentlich nur noch bange sein um die Zukunft des fragilen Konstrukts eines vereinten Europas.

Statt an diesem Konstrukt eifrig weiterzubasteln, es nach außen zum starken Schild, nach innen zu einem modernen Garten Eden formen zu wollen, sollen wir, heißt es inzwischen, unseren Blick vom sterbenden Westen abwenden und ihn besser am sagenhaften Orient orientieren.

An Ländern, deren Gebiete teils oder ganz in Asien liegen, deren Staatsoberhäupter offensichtlich nicht viel von solchen europäischen Errungenschaften wie demokratische Entscheidungsprozesse, starke Zivilgesellschaft oder Pressefreiheit halten.

Eine komische Landkarte

Bis zur Ankunft der neuen Ideologie in den breiten Massen könnte es allerdings noch etwas dauern, sind doch in den letzten Jahren mehrere Hunderttausend Ungarn, Handwerker und gut ausgebildete junge Menschen vor allem, just Richtung Westen abgewandert. Was soll also nun mit der größten dieser Expat-Gemeinden werden, sollte sich England wirklich für den Austritt entscheiden? Müssen wir uns jetzt auch noch um ihre Geschicke fürchten?

Das würde überhaupt eine komische Landkarte abgeben, die einer EU ohne die britischen Inseln, dafür vielleicht mit einem großen Fleck Asien. Brüssel würde dadurch ganz an den Westrand rücken, und die Mitte müsste man dann womöglich auf dem Balkan suchen.

Bis dahin könnte es aber auch noch eine Weile dauern, und ganz diskussionsfrei, wie sich das manche vielleicht wünschen, wird das auch nicht gehen. Provozieren doch die nationalen Werbekampagnen der ungarischen Regierung, im letzten Herbst gegen die Migranten, momentan gegen Brüssel und die Migrantenquoten, zu den geistreichsten Gegenentwürfen.

"Das wird auch von Brüssel bezahlt", hieß eine Antwort auf den Aufruf, der derzeit landesweit auf strahlend blauen Billboards verkündet wird und dem zufolge "wir", wer das auch immer sein mag, eine Botschaft an Brüssel richten sollen.

Der noch lakonischere Kommentar "Same in English" wies auf den peinlichen Fehler der vom Amt des Ministerpräsidenten beauftragten Agentur hin, ein Plakat mit Informationen zu Bauarbeiten im Burgviertel mit der englischen Übersetzung der Anweisung zur Übersetzung statt mit der englischen Übersetzung des Plakattextes selbst drucken und aushängen zu lassen.

Das könnte dann schon eher unsere Botschaft an Brüssel werden: dass wir uns ein Europa wünschen, wo selbst die pannonischen Handwerker so gut Englisch können, dass solche Blamagen auch noch während des Aushängens verhindert werden können.

Wein, Brot und Wissen teilen

Wenn wir schon beim Thema sind: Zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd hin und her reisend, sich mal in Looren, mal in Straelen, mal in Arles, mal in Balatonfüred vereinigend, ihr ganzes Leben und Können eifrig dem kulturellen Austausch, dem Stiften von Weltliteratur widmend, wochenlang beharrlich nach dem richtigen Ausdruck suchend, sich dabei, da ab ovo unkorrumpierbar, niemals um fette Gewinne kümmernd, dafür Wein und Brot wie auch ihr kostbarstes Wissen stets selbstlos teilend, demonstrieren ausgerechnet die Übersetzer seit Jahrzehnten, wie ein barrierefreies Europa der Kooperation und Solidarität funktionieren könnte.

So manche Branche, nicht nur die der Politiker, könnte getrost von ihrem Beispiel lernen. (Márta Nagy, Lajos Adamik, 20.6.2016)

Márta Nagy (50) ist Beauftragte für das Kulturprogramm am Goethe-Institut in Budapest. 2015 gab die Expertin für deutsche Literaturwissenschaft mit Lajos Adamik das Dossier "Das andere Ungarn" der Zeitschrift "Literatur und Kritik" heraus. Foto: Zoltán Kerekes

Lajos Adamik (57) ist ein ungarischer Übersetzer und Schriftsteller. Er studierte Deutsch, Russisch und Sprachwissenschaft, war danach Lektor und ist seit 1995 freier Übersetzer, u. a. Mitglied im Beirat der Thomas-Bernhard-Privatstiftung. Foto: Zoltán Kerekes

  • Das ungarische Parlamentsgebäude, das sich in Budapest über 268 Meter entlang der Donau erstreckt, hat so viele Türmchen wie ein Jahr Tage – es sind 365.
    foto: getty images / istock / tomas sereda

    Das ungarische Parlamentsgebäude, das sich in Budapest über 268 Meter entlang der Donau erstreckt, hat so viele Türmchen wie ein Jahr Tage – es sind 365.

  • Márta Nagy ist Beauftragte für das Kulturprogramm am Goethe-Institut in Budapest.
    foto: zoltán kerekes

    Márta Nagy ist Beauftragte für das Kulturprogramm am Goethe-Institut in Budapest.

  • Lajos Adamik ist ein ungarischer Übersetzer und Schriftsteller.
    foto: zoltán kerekes

    Lajos Adamik ist ein ungarischer Übersetzer und Schriftsteller.

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