Michael Stavarič: Sternstunden, keine Sternstunden

22. Juni 2016, 11:37
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Europa war ein Ächzen und Stöhnen und Bluten. Über das Opium verspäteter Nationen, kluge politische Selbstlosigkeit und das Unglück bipolarer Welten

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als mich eine Verlegerin darum bat, anlässlich der sogenannten EU-Osterweiterung (nun, eigentlich ja einer Westverlängerung) ein diesbezügliches Buch zu schreiben; etwas Schräges, Experimentelleres und Mutiges.

Ob dies gelungen ist, weiß ich nicht, doch nahm ich das Buch anlässlich dieses Beitrages zur Hand und las darin gleich auf den ersten Seiten: "Und Europa war keine eigentliche Geschichte, vielmehr ein Ächzen und Stöhnen und Bluten (...) und im Grunde bewies das alles gar nichts, außer vielleicht, dass in nichts Demut und Erkenntnis innewohnt und keine Milde oder Aussicht auf bessere, weil friedlichere Zeiten. (...)

Und wenn Europa jemals eine tatsächliche Geschichte werden soll, so ist es keine der Polen und Engländer und Franzosen und Italiener und Spanier und Portugiesen und Ungarn und Tschechen und Slowaken und Finnen und Schweden und Norweger und Luxemburger und Belgier und Niederländer und Liechtensteiner und Albaner und Serben und Kroaten und Dänen und Schweizer und Slowenen und Bulgaren und Türken und Rumänen und Litauer und Letten und Esten und Russen und Österreicher und Ukrainer und Deutschen und so weiter, sondern die Geschichte aller. (...)

Und die Europäer erzählten sich schon immer gern davon, wer sie sind und was ihre Völker nicht alles waren, und sie berichtigten und begradigten und akzentuierten und betonten und formten ihren trügerischen Narrativ und strahlende Morgen und entbehrliche Übermorgen."

Adieu, Europa-Flagge!

Was soll ich sagen, ich würde das nach wie vor unterschreiben – die Geschichte ist augenscheinlich etwas Zyklisches, der Kontinent nach wie vor uneins (unfähig, ein neues Paradigma zuzulassen), die zarten und äußerst losen Bande einer europäischen Einigung (Stichwort "Vereinigte Staaten von Europa") sind längst durchschnitten (vielleicht gab es diese allerdings auch nur in meinem Kopf), die Nationalstaatlichkeit floriert, die Hetzer folgen dieser stets auf dem Fuß, bekanntlich sind sie das Volk und ihr proklamierter Morgen wird selbstverständlich keine Sternstunde (Adieu, Europa-Flagge!) sein.

Jemand Weiser hat mir einst beigebracht, dass die Regel der klugen Politik darin liegt, Vergangenheit nicht als politische Option zu erachten, denn: Vergangenheit ist das Opium verspäteter Nationen, die auf diese Art und Weise ihre Verspätung zementieren. Die Hetzer wollen ihre eigenen (kleinen) Nationen, Egomanie und Egoismen haben darin Hochkonjunktur, und die vernünftigen Stimmen werden nach und nach leiser.

Dabei wäre (selbst politische) Erkenntnis doch recht einfach zu haben: dass etwa der Altruismus (im Deutschen bevorzuge ich das Wort "Selbstlosigkeit") eine klügere Form der Interessenwahrung darstellt. Allerdings, die europäischen Gesellschaften leben und denken in Schablonen, um sich in einer (durchaus) komplizierter werdenden Welt zu orientieren; es ist ihnen gewissermaßen jedes Mittel recht, um ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, ich meine, es ist doch alles zutiefst menschlich und nachvollziehbar:

Wir reduzieren Komplexitäten und verinnerlichen Polaritäten; Gott und Satan, gut und böse, Mann und Frau, links und rechts, oben und unten, Heimat und Fremde und so weiter und so fort. Geschichte und Geschichten werden dadurch fassbarer, sie bekommen eine verständlichere (dann und wann sogar moralische) Dimension.

Denkräume öffnen

Auch als Autor ist mir dieses "Strickmuster" nicht fremd; die Erzählung, der Roman usw. changieren zwischen diesbezüglichen Polen. Mir schien es allerdings stets reizvoller, mir lieber darüber Gedanken zu machen, was Romane und Co nicht vor einem ausbreiten, was sie lediglich als Leer- und Andockstellen, als Gesten anbieten.

Mich interessiert etwa seit jeher, wie man es anstellt, (Denk-)Räume (erneut) zu öffnen, in denen sich Schablonen vollkommen auflösen – nur dann können Polaritäten aufgehoben werden. Vielleicht ist es auch nur eine von vielen kleinen Wahrheiten, doch sollte sie nicht unerwähnt bleiben: In bipolaren Welten kann man nur äußerst schwer glücklich sein.

Vielleicht sind Autoren (und Politiker) insofern gut beraten, (mehr oder minder primitive) Zweiwertigkeiten ausschließlich als Ausgangs- und Diskussionspunkte zu verwenden; das sich darin manifestierende Pendel mag weiterhin kalkulierbar schwingen, doch muss die Differenz an sich etwas Lebensbejahendes, Innovatives und Selbstloses darstellen. Und um für mich ein diesbezügliches Resümee zu ziehen: Europa, zu dir hin entferne ich mich!(Michael Stavarič, 20.6.2016)

Michael Stavarič (44) ist ein österreichisch-tschechischer Schriftsteller und Übersetzer, der mit sieben Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich kam. Er studierte an der Uni Wien Bohemistik und Publizistik und lebt in Wien.

  • Der Veitsdom in Prag war die Krönungskirche der böhmischen Könige. In der Kronkammer werden die tschechischen Insignien (Wenzelskrone) aufbewahrt.
    foto: robert newald

    Der Veitsdom in Prag war die Krönungskirche der böhmischen Könige. In der Kronkammer werden die tschechischen Insignien (Wenzelskrone) aufbewahrt.

  • Michael Stavarič ist ein österreichisch-tschechischer Schriftsteller und Übersetzer.
    foto: andy urban

    Michael Stavarič ist ein österreichisch-tschechischer Schriftsteller und Übersetzer.

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