William Boyd: Gemeinsam besser

20. Juni 2016, 10:03
8 Postings

Der britische Schriftsteller über "Little Englanders", das Projekt Angst und die Hoffnung auf das Vorbild Schottland

Man muss kein Experte sein, um zu wissen: Dieses Referendum hat das Zeug zu einem Desaster. Ich will gar nicht so tun, als wüsste ich sonderlich gut über die Arbeitsweise der europäischen Institutionen Bescheid. Aber ich verfolge die beiden Seiten des Abstimmungskampfes sehr genau.

Die Befürworter haben das Problem, dass Brüssel und alle seine Institutionen seit Jahrzehnten von der britischen Presse dämonisiert werden. Ohnehin kann man ja schwer argumentieren: "Der Bürokratenapparat einer internationalen Organisation ist etwas ganz Tolles." Das glaubt erstens niemand, und zweitens würde niemand so abstimmen.

Stattdessen redet das EU-Camp zu Recht von den Risiken, die ein Brexit beinhaltet. Wir sind stärker in einem vereinigten Europa. Diese Botschaft ist für alle verständlich, und in Kampagnen wie dieser muss man bei einfachen Botschaften bleiben.

Viel schöner Schein

Die EU-Gegner produzieren schönen Schein. Ich bin Schotte, machte mir also vor zwei Jahren große Sorgen, als über Schottlands Unabhängigkeit abgestimmt wurde. Jetzt sehe ich viele Parallelen. Das Brexit-Camp scheint mir im Weltall angesiedelt, beinahe in einer anderen Galaxie als jener, in der wir arme Menschenkinder leben.

Ihre Argumente verändern sich täglich. Statistiken werden aus der Luft gegriffen und hirnlos wiedergekäut, selbst wenn sie sich als falsch herausstellen. Das erinnert mich sehr an die schottische Debatte. Angesichts des niedrigen Ölpreises wäre ein unabhängiges Schottland heute total bankrott.

All das Geschwätz wie "Wir schaffen es allein" und "Wir sind ein tolles Land" ist albern. Natürlich sind wir toll. Und natürlich könnten wir es allein schaffen. Aber wir sind "Gemeinsam besser", und zwar sowohl im Vereinigten Königreich als auch in der Europäischen Union.

Die Brexit-Leute zeichnen sich durch den engstirnigen Nationalismus aus, den man traditionell mit dem Begriff "Little Englander" verbindet. Also reichlich patriotisches Gerede vom "großartigen Land", aber kaum Fakten. Jegliche Argumente gegen ihre Fantasievorstellungen werden als "Projekt Angst" verworfen. Interessanterweise gibt es diese Haltung in allen Parteien; sie zieht sich auch quer durch das sehr komplizierte englische Klassensystem.

Einwanderung ist vorteilhaft

Unter meinen Freunden gibt es keine Brexit-Kämpfer. Aber man trifft ja Leute in den Geschäften oder schnappt Bemerkungen auf der Straße auf. Ich habe mit dem Mann diskutiert, der mich gelegentlich zu Terminen fährt. Er war sehr beeindruckt von der patriotischen Propaganda und der Antieinwanderungsrhetorik à la Donald Trump.

Wir müssen positiv reden und sagen, dass Einwanderung insgesamt vorteilhaft ist. Ich lebe teilweise in London, einer polyglotten, multikulturellen Stadt, in der man stündlich Immigranten begegnet. Da merkt man schnell, wie gut sie unserer Gesellschaft tun.

Ich lebe aber auch in Frankreich und bin viel in Europa unterwegs, sodass ich die EU sowohl vom Kontinent aus wie von Britannien aus erlebe. Vieles läuft falsch in einigen der europäischen Institutionen, genau wie in manchen britischen Institutionen. Vieles läuft falsch.

Aber wir teilen eine Geschichte und eine Kultur. Die Zusammenarbeit gibt uns auf globaler Ebene Durchsetzungsvermögen und Gewicht, ohne dass unsere nationale Identität beeinträchtigt würde. Sind die Italiener weniger italienisch, die Franzosen weniger französisch, weil sie der EU angehören? Natürlich nicht. Die Ängste, die hier geschürt werden, stellen sich als lächerlich heraus.

Glaube, Optimismus und Vorsicht

Aus meiner Sicht gibt es eine ziemlich kleine Gruppe von Leuten, für die der Austritt aus der EU einer Religion gleichkommt. Mit einer vom festen Glauben geprägten Bewegung umzugehen ist schwierig, ungefähr so zwecklos wie jemandem zu predigen, er solle nicht an Gott glauben. Es hat wenig Sinn, über die tatsächlichen Vorteile der EU zu reden oder etwa gar über die Probleme, die sich einstellen werden, wenn es zum Brexit kommt.

Der Kern dieser Gruppe besteht aus den ungefähr 90 antieuropäischen Tory-Abgeordneten, die David Cameron das Leben schwermachen. Törichterweise gab er diesen Hinterwäldlern nach und bekannte sich zum Referendum. Ich hoffe auf eine Realitätsprüfung, die all den Unsinn beiseitewischt, der zurzeit verbreitet wird.

Mein Optimismus speist sich aus dem Ergebnis des schottischen Referendums, das mit 55:45 Prozent für den Verbleib im gemeinsamen Königreich endete. Die Schotten sind schlaue Leute, sie wollten nicht ihre Zukunft aufs Spiel setzen.

Auch am 23. Juni sollte sich Vorsicht durchsetzen. Ich hoffe auf das Votum der vielen stillen Menschen im Land und auf ein Ergebnis von 60:40 Prozent für den Verbleib. Aber man kann nie wissen. Ich bleibe beunruhigt. (William Boyd, Übersetzung aus dem Englischen: Sebastian Borger, 20.6.2016)

William Boyd (64), geboren in Ghana, ist ein britischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur. Zuletzt erschien sein Buch "Die Fotografin. Die vielen Leben der Amory Clay" (Berlin-Verlag 2016). Er lebt mit seiner Frau in London und Südfrankreich, wo er auch Wein anbaut.

  • Seit 2012 heißt der berühmte Uhrturm am Palace of Westminster in London offiziell "Elizabeth Tower", umbenannt wurde der "Clock Tower" anlässlich des 60-Jahr-Thronjubiläums von Queen Elizabeth II. Der "große Benjamin" bezeichnet eigentlich die schwerste der fünf Glocken. Big Ben wiegt 13,5 Tonnen, sein Glockenschlag wird auch "The Voice of Britain" genannt.
    foto: istock / getty images / swanseajack999

    Seit 2012 heißt der berühmte Uhrturm am Palace of Westminster in London offiziell "Elizabeth Tower", umbenannt wurde der "Clock Tower" anlässlich des 60-Jahr-Thronjubiläums von Queen Elizabeth II. Der "große Benjamin" bezeichnet eigentlich die schwerste der fünf Glocken. Big Ben wiegt 13,5 Tonnen, sein Glockenschlag wird auch "The Voice of Britain" genannt.

  • William Boyd ist ein britischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur
    foto: reuters / suzanne plunkett

    William Boyd ist ein britischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur

Share if you care.