Auschwitz-Wachmann zu fünf Jahren Haft verurteilt

17. Juni 2016, 18:28
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Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen: In Deutschland wurde ein früherer Wachmann von Auschwitz, Reinhold Hanning, zu fünf Jahren Haft verurteilt. Es ist das wohl letzte Urteil gegen einen SS-Verbrecher.

Schon Stunden bevor um 14 Uhr das Urteil verkündet wurde, hatten sich vor dem Landgericht in Detmold (Nordrhein-Westfalen) lange Schlangen gebildet. Unzählige Menschen wollten das Ende des wohl letzten großen NS-Prozesses in Deutschland vor Ort, im Gerichtssaal, mitverfolgen.

Der 94-jährige Reinhold Hanning saß wegen seiner Zeit im Vernichtungslager Auschwitz auf der Anklagebank. Dort waren während des Zweiten Weltkriegs mindestens 1,1 Millionen Menschen ums Leben gekommen. Dass Hanning von Anfang 1942 bis 1944 in Auschwitz als Wachmann eingesetzt war, bestritt er während des Prozesses nicht. Er hat auch zugegeben, von den Massenmorden gewusst zu haben: "Man bekam mit, was dort ablief. Es wurden Menschen erschossen, vergast, verbrannt."

Hanning erklärte zudem: "Ich schäme mich dafür, dass ich das Unrecht sehend geschehen lassen und dem nichts entgegengesetzt habe. Es tut mir aufrichtig leid." Er bereue zutiefst, einer "verbrecherischen Organisation" angehört zu haben. Sein Verteidiger hatte einen Freispruch gefordert, denn seiner Meinung nach gibt es keine Beweise für konkrete Taten Hannings. Er habe niemanden getötet oder geschlagen, sondern einfach nur Befehle befolgt, um nicht selber unter die Räder zu kommen und bestraft zu werden.

Doch das Landgericht Detmold ist der Auffassung, dass der 94-Jährige damals zum Funktionieren der Mordmaschinerie beigetragen habe. "Sie waren knapp zweieinhalb Jahre in Auschwitz und haben damit den Massenmord befördert", sagte Richterin Anke Grudda bei ihrer Urteilsbegründung.

Hanning sei auch bewusst gewesen, "dass in Auschwitz tagtäglich unschuldige Menschen in Gaskammern ermordet wurden". Das Gericht sah die Beihilfe Hannings zum Mord in mindestens 170.000 Fällen als erwiesen an. Mit dem Strafmaß blieb es unter den sechs Jahren, die die Staatsanwaltschaft gefordert hatte.

Neue Rechtsauffassung

Die Verurteilung Hannings ist durch eine Änderung der Rechtsmeinung in Deutschland möglich geworden. Bis 2011 galten SS-Wachmänner wie Hanning als unbedeutender Teil der gigantischen NS-Tötungsmaschinerie. 2011 jedoch stand der Ukrainer John Demjanjuk vor dem Landgericht München II.

Wende mit Demjanjuk

Dieser Fall brachte die Wende, denn der ehemalige Wachmann des Vernichtungslagers Sobibor (heute Polen) wurde zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt, obwohl es keine Beweise für konkrete Taten Demjanjuks gab. Das Gericht sah ihn als "Teil der Vernichtungsmaschinerie" und verurteilte ihn wegen Beihilfe zum Mord an rund 28.000 Menschen.

In Haft musste Demjanjuk nicht, denn er starb zehn Monate nach der Urteilsverkündung – noch bevor über die von ihm selbst und der Staatsanwaltschaft eingelegte Revision entschieden wurde. Ähnlich verlief der Fall des im Juli 2015 vom Landgericht Lüneburg verurteilten "Buchhalters von Auschwitz", Oskar Gröning. Er bekam vier Jahre Haft wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen, das Urteil ist aber auch in seinem Fall nicht rechtskräftig.

In Kiel im Bundesland Schleswig-Holstein soll einer heute 92-jährigen Funkerin von Auschwitz noch der Prozess gemacht werden, in Neubrandenburg im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern einem 95-jährigen SS-Mann, ebenfalls aus Auschwitz. Doch ob es dazu kommen wird, ist fraglich. Beide gelten aus gesundheitlichen Gründen derzeit als nicht verhandlungsfähig. (Birgit Baumann, 17.6.2016)

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