Wahlkampf in England: Ein Land im Fieber

18. Juni 2016, 09:00
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Die Schotten, die Waliser und die Nordiren wollen mehrheitlich in der EU bleiben. England aber liebäugelt aus Nostalgie und Globalisierungsfurcht mit Brexit

Wie es um "Britanniens Zukunft in Europa" bestellt sei, sollen die Diskutanten auf dem Podium erörtern – und angesichts der Umgebung könnte man meinen, die wirtschaftlichen und finanziellen Vor- und Nachteile der britischen EU-Mitgliedschaft stünden im Mittelpunkt. Weit gefehlt. Was sich da im prächtigen Rathaussaal der City of London abspielt, mitten im wichtigsten internationalen Finanzzentrum der Welt, wirkt eher wie eine Therapiesitzung. Unter der hohen Decke, von der holzgeschnitzte Figuren drohend herabstarren, malt Daniel Hodson ein düsteres Bild seiner "großartigen Stadt". Es gebe viel zu viele Einwanderer aus Osteuropa; hingegen habe sein hervorragend ausgebildeter Schwiegersohn, ein Argentinier, sechs Monate aufs Visum warten müssen. Da sei doch etwas nicht in Ordnung, glaubt der frühere Direktor der Finanzbörse Liffe.

Hodson (72) leitet die Lobbygruppe "City für Britannien" – mit dem Namen suggerieren die EU-Phobiker, die Mitgliedschaft in der EU sei mit gesundem Patriotismus unvereinbar. Howard Flight (67) geht noch weiter. Der konservative Baron im Oberhaus beschwört die Abstimmung am kommenden Donnerstag als Termin, "an dem dieses Land seine Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wiederherstellt".

Waghalsige Sprüche

Befindet sich die Insel unter Flights Parteifreund David Cameron also auf dem Weg in die rechtlose Diktatur? Landauf, landab ist dieser Tage Rhetorik zu hören wie im Londoner Rathaus – als stünden die politischen Institutionen der fünftgrößten Industrienation der Welt kurz vor dem Zusammenbruch. Die Umfragen legen nahe, dass die waghalsigen Sprüche auf fruchtbaren Boden fallen. Nach monatelang stabilem Übergewicht für den Verbleib haben die EU-Feinde seit zehn Tagen einen, wenn auch hauchdünnen Vorsprung.

Robert Winders Diagnose lässt sich schwer von der Hand weisen: "Das Land liegt im Fieber", sagt der Literaturwissenschafter. Winder schreibt an einem Buch über den Nationalcharakter der Engländer – ein Thema, das durch die Brexit-Debatte an Brisanz gewonnen hat. Denn während zwei Drittel der Schotten und drei Fünftel der Nordiren sowie mehrheitlich auch die Waliser für den EU-Verbleib stimmen wollen, steht das Votum im größten Landesteil mit seinen 55 von insgesamt 64 Millionen Einwohnern auf Messers Schneide.

Das Brexit-Lager, angeführt vom Konservativen Boris Johnson und von Ukip-Chef Nigel Farage, versucht es gar nicht erst mit wirtschaftlichen Argumenten. Der Slogan der EU-Feinde lautet "Kontrolle zurückgewinnen". Nur außerhalb der EU werde es der Insel möglich sein, die Nettoeinwanderung von zuletzt jährlich 330.000 Menschen zu drosseln. "Dabei sind rund die Hälfte davon, nämlich 167.000, Studenten", sagt Winder, die mittels hoher Studiengebühren Milliarden ins Land bringen.

Schlechte Stimmung

Die Stimmung macht besonders der Oppositionspartei Labour zu schaffen. In West Bridgford, einem Vorort der mittelenglischen 300.000-Einwohner-Stadt Nottingham, haben sich 40 Mitglieder und Sympathisanten der alten Arbeiterpartei versammelt. Die Botschaft der Unterhausabgeordneten Lilian Greenwood ist klar. Sie sei gerade wieder in ihrem Wahlkreis im Süden Nottinghams unterwegs gewesen, berichtet die frühere Gewerkschaftsfunktionärin, die jetzt Parteichef Jeremy Corbyn als verkehrspolitische Sprecherin dient. An Greenwoods Gesicht lässt sich ablesen, dass die Begegnungen auf den Türschwellen der Mietskasernen kein Vergnügen waren.

Fast immer geht es um die Einwanderung. Die Diskreteren sagen: "Wir haben genug davon." Gemeint sind Nachbarn, die kein richtiges Englisch sprechen und eine andere Hautfarbe haben. "Zu viele Migranten", begründet ein Glatzkopf bündig seine Brexit-Entscheidung. "Ich will mein Land zurückhaben", ruft eine kräftig gebaute Mittsechzigerin. Dem Zorn haben die Aktivisten wenig entgegenzusetzen. Denn es war die Regierung des Labour-Premiers Tony Blair, die 2004 die Türen für rund 1,5 Millionen Einwanderer der acht Beitrittsstaaten aus Mittel- und Osteuropa öffnete. "Jetzt läuft uns die traditionelle Arbeiterschaft in Scharen davon", berichtet ein Gewerkschafter den Genossen in West Bridgford.

Greenwood macht ihren Zuhörern Mut. Sicher müsse man das Thema Einwanderung frontal anpacken. Etwa so: "In der Poliklinik in meinem Wahlkreis arbeiten Krankenschwestern aus Portugal und Rumänien, weil wir selbst nicht genug ausbilden." Ob die vom Fieber der EU-Phobie befallenen Engländer die Botschaft hören werden? Die Abgeordnete gibt sich kampfeslustig: "Unsere Mitgliedschaft in der EU schwächt das Land nicht, sondern macht es stärker. Das müssen wir in den kommenden Tagen möglichst vielen Leuten sagen." (Sebastian Borger aus London und Nottingham, 18.6.2016)

  • Stimmenfang auf der Themse in London: Die Brexit-Flotte ist größer und fährt voran, gefolgt von einem Schlauchboot derer, die in der EU bleiben wollen.
    foto: afp photo / niklas halle'n

    Stimmenfang auf der Themse in London: Die Brexit-Flotte ist größer und fährt voran, gefolgt von einem Schlauchboot derer, die in der EU bleiben wollen.

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