Sofi Oksanen: Familie Europa

22. Juni 2016, 11:39
6 Postings

Die Schriftstellerin über Sprachenvielfalt, Meinungsfreiheit und Russland als Grenznachbar

Ich wurde in eine Welt geboren, in der ich lernte, mich als Finnin oder Estin zu bezeichnen. Oft hatte ich das Gefühl, dass man zwischen diesen Definitionen wählen musste – man kann nicht beides sein, obwohl ich mich meist als finnisch-estnisch fühlte. Je mehr ich Europa bereiste, umso mehr erkannte ich meine nordische Identität, und je mehr ich von der Welt außerhalb Europas sah, desto deutlicher fühlte ich mich als Europäerin. Trotz der Unterschiede haben europäische Länder viel gemeinsam. Nur werden diese Gemeinsamkeiten für so selbstverständlich gehalten, dass das Verbindende nicht wahrgenommen wird. Alle Europäer haben z. B. eine Beziehung zum Zweiten Weltkrieg. Ich hatte mich daran gewöhnt, diese Tragödie aus den unterschiedlichen Perspektiven der europäischen Länder zu behandeln, jedoch verstand ich das Verbindende dieser Geschichte erst, als ich Menschen traf, die von diesem Krieg eigentlich nichts wussten.

Während meiner Reisen durch die USA traf ich viele Menschen, die noch nie von Finnland, geschweige denn von Estland gehört hatten, auch nicht viel von anderen EU-Ländern, aber alle kannten Europa und wussten, wo es liegt. Die Vorstellungen von Europa ähnelten einander und hatten oft mit Kultur zu tun. Kein Wunder, ist doch das populärste und beherrschende Genre der Literatur – der Roman – eine europäische Erfindung. Und es handelt sich um keine belanglose Erfindung, beruht doch der größte Teil der beliebtesten Filme und Fernsehserien auf – Romanen.

Mag ein Finne das mediterrane Zeitverständnis auch für anders als seines halten, so unterscheidet sich das europäische wiederum vom amerikanischen. Und als alt gelten dem Großteil der Amerikaner, abgesehen von der Urbevölkerung Amerikas, Dinge, die aus europäischer Perspektive sehr neu sind. Europäer sind sich auch über die Bedeutung und Notwendigkeit des öffentlichen Verkehrs einig. Dem ist nicht überall so.

Zum europäischen Selbstverständnis gehört auch die Sprachenvielfalt. Für uns ist es selbstverständlich, dass eine Regionalsprache mit wenigen Sprechern eine offizielle Sprache, auch Bildungssprache, sein kann. Weltweit ist das recht außergewöhnlich, genauso wie die Tatsache, dass die Staaten dieses Kontinents Spitzenränge in diversen Statistiken der Redefreiheit belegen. Auch wenn sich ein Staat wie Ungarn in eine andere Richtung bewegt, so ist Europa, was Rede- und Meinungsfreiheit anlangt, im globalen Vergleich führend, und Europa ist es wichtig, diese Führung zu verteidigen.

Europa ist eine Familie, die beim Streiten nicht merkt, dass sie von außen betrachtet wie eine Familie wirkt. Wie in jeder Familie gehen Beziehungen in die Brüche, es gibt Mitglieder, die in der Familie weniger willkommen sind, und solche, die am liebsten nichts mit der Familie zu tun hätten. Trotz allem hat diese Familie immer eine gemeinsame Geschichte, eine gemeinsame Geografie, sozusagen ein Zuhause: diesen Kontinent; und daran können nicht einmal die Populisten etwas ändern.

Wir hier an der Ostgrenze

Ich habe während meiner Schriftstellerinnenkarriere an vielen Diskussionen über die Zukunft Europas teilgenommen und immer wieder erfahren: Die Sorgen anderer Europäer sind andere als die Sorgen der Länder, die mit Russland eine gemeinsame Grenze haben. Für uns sind die Angelegenheiten Russlands Alltag, und oft scheint es, als ob unsere Alltagssorgen nur von anderen Pufferländern verstanden werden. Das fühlt sich einsam an, und Einsamkeit trennt. Aber ohne uns, die Grenznachbarn Russlands, wäre Russland euer Grenznachbar, und das wollt ihr doch nicht, oder?

Andere machen sich um andere Angelegenheiten Sorgen als wir hier an der Ostgrenze; also nehme ich an, dass auch wir kein großes Interesse an den Sorgen anderer haben; vielleicht ist gerade das die größte Herausforderung für Europa. Trotz unserer ausgeprägten nationalen Identitäten können wir nur Teil eines Kontinents sein und nur Teil der Gesamtheit eines Kontinents, aber damit wir dessen Vorteile verstehen könnten, müssten wir uns auch ausreichend für die Sorgen anderer Familienmitglieder interessieren und das uns Verbindende schätzen lernen. Im Familienalltag hat jeder seinen Zuständigkeitsbereich. Sonst bringt niemand den Mistkübel raus, und dass der Eiskasten leer ist, fällt erst auf, wenn man Hunger bekommt. (Sofi Oksanen, Album, 20.6.2016)

Aus dem Finnischen von Petra Hedman und Peter Kislinger

  • Die Temppeliaukio Kirche in Helsinki ist ein herausragendes Beispiel für finnische Architektur der 1960er-Jahre.
    foto: istock/william fawcett

    Die Temppeliaukio Kirche in Helsinki ist ein herausragendes Beispiel für finnische Architektur der 1960er-Jahre.

  • Sofi Oksanen (39) ist eine finnisch-estnische Schriftstellerin und Dramaturgin. Sie schreibt auf Finnisch. Sie beschreibt ihre Werke als "Autofiktion". 2014 erschien ihr Roman "Als die Tauben verschwanden"  (Kiepenheuer & Witsch).
    foto: epa/mohai

    Sofi Oksanen (39) ist eine finnisch-estnische Schriftstellerin und Dramaturgin. Sie schreibt auf Finnisch. Sie beschreibt ihre Werke als "Autofiktion". 2014 erschien ihr Roman "Als die Tauben verschwanden" (Kiepenheuer & Witsch).

Share if you care.