Arnon Grünberg: Das Volk ist ein Hund

21. Juni 2016, 09:00
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Der Schriftsteller über die Angst vor dem Volk, Wut als Normalzustand und die EU als Land, das sich seiner Grenzen nicht sicher ist

Am 26. Mai konnte man in der niederländischen Zeitung de Volkskrant die gekürzte Fassung einer Rede lesen, die König Willem-Alexander am Tag zuvor im Europäischen Parlament gehalten hatte. Bezeichnenderweise wurde ausgerechnet der Teil weggekürzt, in dem es hieß: "Der europäische Blumenstrauß ist unvollständig ohne die spanische Nelke, (...) die deutsche Kornblume, das österreichische Edelweiß, die kroatische Iris, die holländischen und ungarischen Tulpen. Und ohne die englische Rose."

Zwar wurde auch in der Kurzfassung beiläufig erwähnt, dass ein stolzer Europäer gleichzeitig ein stolzer Portugiese, Brite oder Niederländer sein kann und darf, doch darüber hinaus war kein weiteres Wort zum Brexit zu finden.

Ich glaube gern, dass der drohende Brexit die europäische Bürokratie und die europäischen Regierungen in Angst und Schrecken versetzt, wie das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel behauptet. Bei zwei Besuchen zu einem inoffiziellen und vertraulichen Gedankenaustausch im niederländischen Außenministerium in Den Haag konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die höheren Beamten – und somit vermutlich auch die Politiker, für die die höheren Beamten ja schließlich arbeiten – die Wähler und ihre europafeindliche Haltung mehr fürchten, als für die Wähler, aber auch die Beamten und Politiker gut ist. Das Volk – und das meine ich nicht böse – lässt sich bisweilen mit einem Hund vergleichen: Wenn es spürt, dass sein Herrchen Angst hat, kann es auch mal zubeißen. Im Übrigen ist ein Volk, das sich vor seinen Politikern fürchtet, ebenso wenig wünschenswert wie Politiker, die Angst vor dem Volk haben.

Dem niederländischen Volk ist der Brexit allerdings ziemlich egal, und das trotz aller Warnungen, dass er schlecht für die niederländische Wirtschaft wäre. Doch man sollte die Vernunft des Menschen nicht überschätzen. Die zunehmende Abkehr von der EU und die damit einhergehende Fremdenfeindlichkeit scheinen das Desinteresse an anderen Ländern weiter zu fördern, so sich Desinteresse denn fördern lässt.

Und so wollen viele Niederländer nicht nur die Grenzen schließen (was auch immer sie sich darunter im Einzelnen vorstellen), sondern am besten auch noch die Vorhänge zuziehen. Über die Politik der beiden Nachbarländer Deutschland und Belgien ist nur wenig bekannt, und das Interesse daran ist minimal. Und da, wo echtes politisches Interesse besteht, äußert es sich häufig in Form permanenter Entrüstung, Unzufriedenheit und Wut. Nun ist das bestimmt kein speziell niederländisches Phänomen. Ähnliche Tendenzen sind auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten.

Mit Wut, Empörung und Entrüstung scheint man sich überall identifizieren zu können. Für einen Politiker wie Geert Wilders von der rechtspopulistischen – um nicht zu sagen rechtsextremen – Partei PVV sind Dauerentrüstung und Wut der Normalzustand, dem sich bestenfalls mit hundert Prozent der Wählerstimmen abhelfen ließe. Doch selbst dann bliebe noch genügend, worüber man sich aufregen könnte.

Der große Fehler liegt darin, zu denken, dass da, wo Wut ist, diese Wut auch gerechtfertigt sein muss. Doch viele Wähler erwarten einfach zu viel vom Staat, der natürlich keine Wunder vollbringen kann. Noch dazu eignet sich der Staat und mit ihm die Elite, das Establishment, perfekt als Sündenbock, was nicht heißen will, dass das Establishment keine Kritik verdiene oder die Wähler mitunter nicht auch einen echten Grund zur Klage hätten.

Auch wenn die Niederländer so kurz vor den Sommerferien gerade andere Dinge im Kopf ha- ben als den Brexit, würde es sich für sie doch lohnen, einen genaueren Blick auf die Rede ihres Staatsoberhaupts in Straßburg zu werfen.

In der Rede heißt es unter anderem, dass die europäische Zusammenarbeit kein Gebot der Vergangenheit mehr ist, sondern ein Gebot der Zukunft. Das ist für einen Historiker wie König Willem-Alexander eine außergewöhnliche Aussage. Doch auch aus dem Munde eines Nichthistorikers wäre eine solche Äußerung bemerkenswert, denn jede Zukunft entsteht aus den Ruinen der Vergangenheit, was auch für die EU und ihre Vorgängerinnen gilt.

Europäischer Blumenstrauß

Und dann sagte der König, wie eingangs erwähnt, dass die kroatische Iris und die englische Rose zum europäischen Blumenstrauß gehören. Für mich versteht sich das von selbst, doch diese Selbstverständlichkeit sollte nicht einfach so vorausgesetzt werden. Schließlich ist eine der Hauptsorgen in Bezug auf die EU die Angst vor ihrer ungezügelten Erweiterung.

Sofern die EU ein Land ist – und in vielerlei Hinsicht ist sie das -, ist sie ein Land, das sich seiner Grenzen nicht sicher ist und darum seine Bürger und sich selbst mehr verunsichert, als notwendig wäre. Wo genau fängt die EU an – und wo hört sie auf? Das zu klären würde bereits helfen.

Ich vermute und hoffe, dass es nicht zum Brexit kommen wird. Ich nehme aber auch an, dass ein Brexit nicht der Anfang vom Ende der EU wäre, und sei es auch nur, weil die Europa-Gegner gar keine Alternative bieten können. Bestenfalls propagieren sie die romantisierte Vorstellung eines Landes, des Nationalstaats, den es so nie gegeben hat und im 21. Jahrhundert auch gar nicht mehr geben kann. (Arnon Grünberg, Übersetzung aus dem Niederländischen: Astrid Eckstein, Album, 20.6.2016)

  • Windmühlenartig: "Auch wenn die Niederländer andere Dinge im Kopf haben als den Brexit, würde es sich für sie lohnen, einen Blick auf die Rede ihres Staatsoberhaupts in Straßburg zu werfen.
    foto: istock/jaap hart

    Windmühlenartig: "Auch wenn die Niederländer andere Dinge im Kopf haben als den Brexit, würde es sich für sie lohnen, einen Blick auf die Rede ihres Staatsoberhaupts in Straßburg zu werfen.

  • Arnon Grünberg (45) ist niederländischer Schriftsteller. Seine Werke wurden in 27 Sprachen übersetzt. Seit 1995 lebt und arbeitet er in New York. Im Oktober erscheint sein neuer Roman "Muttermale" bei Kiepenheuer & Witsch.
    foto: apa/epa/thilo schmuelgen

    Arnon Grünberg (45) ist niederländischer Schriftsteller. Seine Werke wurden in 27 Sprachen übersetzt. Seit 1995 lebt und arbeitet er in New York. Im Oktober erscheint sein neuer Roman "Muttermale" bei Kiepenheuer & Witsch.

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