David Wagner: Melancholische Festungsbewohner

19. Juni 2016, 16:27
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Wie kann ein Europäer es vor sich rechtfertigen, einen Menschen, der zufällig in Afrika geboren wurde, nicht nach Europa zu lassen?

Letzte Woche blieb ich in der Berliner U-Bahn stecken. Kurz nach elf Uhr abends stoppte der Zug im Tunnel, das Licht ging aus. Ich saß in einem halbgefüllten Wagen, zufällig inmitten einer kleinen Gruppe von Erasmus-Studenten: eine Ukrainerin, eine Französin, zwei Italienerinnen, ein Italiener und eine Ungarin um mich herum – Klein-Europa in der U-Bahn.

Die Französin neben mir sagte, in der Pariser Métro passiere das auch hin und wieder, so kamen wir ins Gespräch, im Halbdunkel, nur das Schummerlicht aus dem Tunnel und die Displays der Telefone erleuchteten den Wagen. Zwei junge, Hijab tragende arabische Frauen, die eine Bank weiter saßen, kicherten und schossen Selfies, ein Mann mit Bierflasche in der Hand rief von weiter hinten: "Scheiße, wann geht's weiter, ich muss aufs Klo!" Die Lautsprecherdurchsagen des Zugführers waren kryptisch, er warnte nur immer wieder davor, den Wagon zu verlassen, draußen liege die Stromschiene.

Die Ukrainerin sprach mit dem Italiener russisch, dann erzählte sie, nun auf Deutsch, dass sie sonst in Pisa studiere, ihr Auslandsjahr verbringe sie jetzt in Berlin. Das Telefon der blonden Ungarin klingelte, sie wechselte vom Deutschen ins Ungarische, die Pariserin sprach nun französisch – und mich überkam, obwohl eingesperrt in einer dunklen U-Bahn, diese Europa-Euphorie, die ich manchmal auch im Flugzeug am Fenster habe, mit ihr kommt die Sehnsucht, in möglichst allen europäischen Ländern und in Berlin zugleich zu wohnen, am liebsten in Frankreich, Italien, Österreich, Finnland und Spanien – in England aber auch.

Mauern fallen. Sie fallen alle

Von dem friedlichen Europa, in dem wir heute leben, konnten unsere Groß- und Urgroßeltern nur träumen. Mein Großvater kannte die Länder, aus denen die Austauschstudenten um mich herum stammen – er musste sie während des Zweiten Weltkriegs besuchen, mit der deutschen Wehrmacht. Heute sind Staaten, die im Zweiten Weltkrieg gegeneinander Krieg geführt haben, eine Gemeinschaft – teils schon länger als ein halbes Jahrhundert. Wir könnten durchaus stolz darauf sein.

Wissen wir, wie gut wir es haben? Erinnern wir uns daran, dass es einmal ganz anders war? Meine Tochter kann sich kaum mehr vorstellen, dass es früher Grenzen in Europa gab, ich muss sie manchmal daran erinnern, dass an der innerdeutschen Grenze scharf geschossen wurde und ich als Kind sogar für die Reise von Westdeutschland zu meiner Großmutter in Österreich einen Reisepass brauchte.

Traurig macht mich allerdings, dass es unser paradiesisches Europa, in dem wir von einem Land ins andere umziehen und überall studieren dürfen, nur mit gesicherten Außengrenzen gibt. Unser Europa ist eine Festung – und das sorgt für die Tragödien all derer, die so gern auch hier leben, arbeiten und sich frei bewegen würden. Das Mittelmeer ist eine breite Grenze – und ein großes, nasses Grab.

Wie aber kann ich, wie kann ein jeder Europäer es vor sich rechtfertigen, einen Menschen, der nur zufällig irgendwo in Afrika geboren wurde, nicht nach Europa zu lassen? Möchte Europa ein Verein nur für Mitglieder sein? Für immer? Soll es heißen: Tut uns leid, wir waren vorher da, unsere Vorfahren sind schon vor 50, 2000 oder 5000 Jahren hier angekommen, ihr seid zu spät? Normalerweise bin ich zu apathisch, mir darüber Gedanken zu machen, normalerweise verdränge ich auch das schlechte Gewissen und die Melancholie, die einen als Festungsbewohner überkommen können, nun aber, hier, eingesperrt in der U-Bahn, wurde mir wieder klar, dass Europa seine Grenzen nur verschoben hat. Früher wurde auf die geschossen, die aus der DDR fliehen wollten – heute ertrinken im Mittelmeer oder ersticken, eingepfercht in einem Lastwagen, die, die nach Europa kommen möchten. Wir werden uns gut überlegen müssen, was für ein Europa wir sein wollen. Und ob wir für immer Festung bleiben wollen. Dabei müssten wir doch wissen: Mauern fallen früher oder später doch. Sie fallen alle.

Es dauerte etwas über eine halbe Stunde, dann wurde unser kaputter Zug von einem anderen aus dem Tunnel in den Bahnhof Alexanderplatz geschoben, wir verabschiedeten uns voneinander, unsere kleine europäische Gemeinschaft zerstreute sich. (David Wagner, Album, 20.6.2016)

  • Das Brandenburger Tor in Berlin war Symbol des Kalten Krieges und wurde nach 1990 zum Symbol für die Wiedervereinigung Deutschlands und Europas.
    foto: reuters / fabrizio bensch

    Das Brandenburger Tor in Berlin war Symbol des Kalten Krieges und wurde nach 1990 zum Symbol für die Wiedervereinigung Deutschlands und Europas.

  • David Wagner (45) ist deutscher Schriftsteller, er lebt in Berlin. Bekannt wurde er durch "Meine nachtblaue Hose" (2000). Sein Buch "Leben" erhielt 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse. 2016 erschien "Sich verlieben hilft. Über Bücher und Serien" (Verbrecher-Verlag).
    foto: epa / schmidt

    David Wagner (45) ist deutscher Schriftsteller, er lebt in Berlin. Bekannt wurde er durch "Meine nachtblaue Hose" (2000). Sein Buch "Leben" erhielt 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse. 2016 erschien "Sich verlieben hilft. Über Bücher und Serien" (Verbrecher-Verlag).

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