"Vom Winterschlaf der Zugvögel": Schattengitter an den Wänden

20. Juni 2016, 10:59
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Ein furioser Paukenschlag der Dezenz: Bastian Schneiders so leise daherkommender, hinreißender großer Debütband

Windräder haben eine beruhigende Wirkung. In jeder Holzkiste gibt es eine geheime Holzkiste. Die Amsel ist ein Wappentier. Auf dem Umschlag einer Ausgabe von Kafkas Tagebüchern sind vier alte Schreibfedern abgebildet. Allein um diese vier perfekt gesetzten Anfangssätze werden andere Schriftsteller Bastian Schneider mit Mordgedanken verfolgen und eventuell noch Ärgeres planen.

Diese Auftaktsätze finden sich in dem außerordentlichen, ja staunen machenden Band Vom Winterschlaf der Zugvögel Bastian Schneiders. Ein Studium der Psychologie sowie der deutschen und der französischen Literatur in Marburg und Paris ergänzte der 1981 geborene, in Wien lebende Deutsche um eines der Sprachkunst an der Angewandten.

Während im letzten Halbjahr vor allem steirische Schriftsteller kiloschwere, ausgreifende Großromane vorlegten, deren präpotentes Auftrumpfen griffig ins Leere ging, kommt Bastian Schneider leise daher, ganz leise. Zurückgenommen. Und ist dabei von einer einnehmenden Einfachheit und von einer grazilen, diskreten Vornehmheit. Denn er schaut. Er beobachtet einfach. Was eben so schwierig ist.

So schaut er auf vom Schreibtisch und sieht eine Versammlung von Baukränen, die sich wie Dinosaurier um einen Tümpel scharen. Er sieht zwei Krähen ganz friedlich nebeneinanderliegen, die Schnäbel, wie er so anrührend schreibt, zusammengesteckt, beide tot. Und was macht er? Er entfernt sich rückwärts, und das Laub unter seinen Füßen spricht im Rascheln ein leises Gebet.

Er hält auf der Handfläche eine Motte, die stirbt. Mitten auf dem Trottoir findet er, das Haus verlassend, eine Taube mit einem roten Loch in der Brust, den Kopf verdreht. Bei der Rückkehr, abends, liegt sie direkt an der Hauswand, das dazwischen erlebte Knallen des Stempels auf dem Postamt spiegelt sich als Echo des Schreckens in der zuschlagenden Haustür. Er steht auf einer Brücke, wartet auf Krähen, sie kommen, steigen mehrfach in Wogen hoch und lassen sich dann wieder in den Baumwipfeln nieder, darüber ist es dunkel geworden.

Oder er erinnert sich. An den Kasten, in dem die Kinderschätze ruhten, sicher vor der Welt. An den Pullover, den seine Großmutter dem Großvater an jenem Vormittag kaufte, an dem Bastian ihn anrief und fragte, wie man denn einen Heizkörper entlüfte, am Nachmittag desselben Tages starb der Großvater, den Pullover trägt Bastian Schneider nun im Winter.

Es geht auch um Lektüre, um Kindheitsschrecken, um Entzauberung. Es geht um sprechende Nachnamen; dabei kommt Bastian Schneider elegant auf Otto Lilienthal, den tödlich verunglückten Flugpionier, auf das stumme "h" in dessen Namen, diesen Hauchlaut, den luftigsten Buchstaben des Alphabets, und den Wind unter seinen Flügeln. Und es geht immer wieder um die luftigen Titelfiguren, die Vögel.

Vögel durchflattern aktuell ohnehin auffällig stark die Literatur. Die seit längerem in Deutschland lebende Amerikanerin Nell Zink kam dank der Unterstützung des Birdwatcher Jonathan Franzen zu einem New Yorker Verlag – und der Rowohlt-Verlag brachte in diesem Frühjahr ihren Roman Der Mauerläufer auf Deutsch heraus.

Peter Waterhouse legt dieser Tage mit Der Fink eine, verheißt zumindest der Untertitel, Einführung in das Federlesen vor; im selben Verlag, Matthes & Seitz Berlin, hat Judith Schalansky in der Reihe Naturkunden im Mai Thor Hansons Federn. Wunderwerk der Natur präsentiert, in den vergangenen Jahren gab es Bände über Eulen, Krähen, zudem J. A. Bakers berückende Naturmeditation Der Wanderfalke aus dem Jahr 1967 über die monatelange Beobachtung eines Wanderfalkenpaares. Im vergangenen Jahr schrieb Norbert Scheuer mit Die Sprache der Vögel einen Roman über Afghanistanrückkehrer und frei fliegende Vögel. Und Helen Macdonald verstand es 2014, mit H wie Habicht ein ornithologisches Experiment leichthändig mit Trauerverarbeitung zu verquicken.

Klugerweise entschlägt sich Schneider in seinem schmalen, knappen Buch mit moderat eleganter Anmutung jeder Genrebezeichnung. Knapp heißt auch: Nur 17 der insgesamt 65 Prosastücke sind länger als eine Seite, die Mehrzahl umfasst gerade einmal jeweils eine halbe Buchseite, zwei-, dreimal nur ganz wenige Zeilen.

Ganz am Ende heißt es in Lesezeichen: "Einen Frühling und einen Sommer hängen die Blätter grün an den Ästen der Bäume und üben das Fliegen." Und: "Dabei wirbeln sie durch die Luft und bleiben schließlich irgendwo liegen, auf einer Straße oder einem Weg, auf einem Hausdach oder einer Wiese. Hier werden sie noch einmal verweht, bis sie sich langsam in der letzten Oktobersonne krümmen. Sie schließen die Luft ein und geben ihr eine Gestalt. Bis der nächste Regen sie aufweicht und wegspült. Wer Glück hat, wird von einem Kind gefunden, zu Hause zwischen Buchseiten gepresst und beim ersten Schnee vergessen – ein langes Leben als Blatt unter Blättern."

Wenn das Blatt ganz viel Glück hat, wird es eingelegt werden in die Seiten von Bastian Schneiders Vom Winterschlaf der Zugvögel, diesem großartigen, erleuchtenden Debüt. (Alexander Kluy, Album, 18.6.2016)

Hinweis: Am 28. Juni um 20 Uhr liest Bastian Schneider aus seinem Buch im Musil-Haus, Klagenfurt, Bahnhofstraße 50.

  • Hat sein Debüt vorgelegt und liest in zwei Wochen beim Bachmannpreis: Bastian Schneider.
    foto: pierre horn

    Hat sein Debüt vorgelegt und liest in zwei Wochen beim Bachmannpreis: Bastian Schneider.

  • Bastian Schneider, "Vom Winterschlaf der Zugvögel". € 15,- / 96 Seiten. Sonderzahl-Verlag, Wien 2016
    foto: sonderzahl

    Bastian Schneider, "Vom Winterschlaf der Zugvögel". € 15,- / 96 Seiten. Sonderzahl-Verlag, Wien 2016

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