"Effektiver Altruismus": So viel Gutes wie möglich tun!

21. Juni 2016, 12:49
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Die praktische Ethik auf dem Weg zur ethischen Praxis: Peter Singers Buch "Effektiver Altruismus – Eine Anleitung zum ethischen Leben"

In seinem neuen Buch Effektiver Altruismus zitiert Peter Singer, Jahrgang 1946, einige Zahlen über Todesfälle bei Kindern aufgrund "vermeidbarer, armutsbedingter Ursachen": Laut Unicef starben aufgrund solcher Ursachen im Jahr 2009 annähernd zehn Millionen Kinder weltweit.

Fünf Jahre später waren es etwa 6,2 Millionen. Die tägliche Todeszahl der Kinder war also von circa 27.000 auf 17.000 gesunken. Dazu bemerkt Singer, dass, wenn uns angesichts der Kriegstoten in Syrien, "das Gefühl beschleicht, der Kampf für eine bessere Welt sei hoffnungslos, dann sollte die Tatsache, dass jeden Tag auch 10.000 Kinder weniger sterben, das Bild wieder etwas zurechtrücken".

In den deutschsprachigen Ländern, die sich einst der Hitlerdiktatur ergaben, wird Singer bisweilen noch immer als Gottseibeiuns der Behinderteneuthanasie vorgeführt. Das ist ein Skandal. Singer verlor einen Teil seiner jüdischen Familie im KZ. Als Senior Professor der Princeton University – im Weltranking der besten Universitäten an sechster Stelle – spendet er mindestens die Hälfte seines Einkommens wohltätigen Organisationen.

Über die Jahrzehnte hin haben er und seine Frau vermutlich mehr Kindern das Leben gerettet als die meisten österreichischen Multimillionäre. Was also war der Stein des Anstoßes? Angesichts sehr seltener Leiden, die jede Chance auf ein schmerzfreies, minimal wohlbefindliches Leben ausschließen, sprach Singer in der Praktischen Ethik (1979) von einem "ernsthaft anzunehmenden" Interesse des Neugeborenen auf Beendigung seines Martyriums.

Dagegen mobilisierten die "Lebensschützer". Singer wurde im Ex-Nazi-Land körperlich attackiert – ein beschämender Vorfall, dokumentiert und online nachzulesen unter dem Titel On Being Silenced in Germany (The New York Review of Books, 15. August 1991).

Um das Konzept des effektiven Altruismus in den USA und anderen Ländern richtig einzuschätzen, gilt es zunächst, dessen oberflächlich simple Maxime ins Auge zu fassen. Sie lautet: "Tue so viel Gutes wie möglich!" Worauf es Singer dabei ankommt, ist zu demonstrieren – und zwar an realen Beispielen effektiver Altruisten -, dass wir wesentlich mehr spenden könnten als jene geringen Summen, mit denen die meisten von uns ihr Gewissen beruhigen. Julia Wise ist Sozialarbeiterin, Jeff Kaufman Programmierer.

2008 betrug ihr gemeinsames Einkommen weniger als 40.000 Dollar. Im Laufe der Jahre erhöhte sich Jeffs Gehalt besonders stark. Zwischen August 2013 und Juli 2014 verdiente das Paar zusammen 261.416 Dollar. Von 2008 bis 2014 spendeten Julia und Jeff mindestens ein Drittel ihres Einkommens; diesen Anteil steigerten sie mit wachsendem Wohlstand bis zur Hälfte.

Julia und Jeff sind zur Sparsamkeit verhalten, ohne dass sie, laut eigener Aussage, unter Gefühlen der Entbehrung litten. Im Gegenteil, sie geben an, ihr eigenes Leben werde dadurch reicher, dass sie imstande sind, das Leben anderer zu retten und Leiden zu lindern. Singer tut allerdings keineswegs so, als ob ethische Altruisten im Glanz ihrer Menschlichkeit konfliktlos verharrten. Ausführlich diskutiert er kontroverse Themen. Ist es beispielsweise das Beste, als ausgebildeter Akademiker im Sozialbereich bedürftigen Menschen unmittelbar beizustehen, etwa als Armenanwalt?

Schwierige Entscheidungen

Angenommen, man könnte als Manager in einem profitablen Unternehmen wesentlich mehr verdienen, folglich größere Summen spenden und dadurch über die Jahre hin wesentlich mehr Armen helfen? Was tun? Wenn man tatsächlich die Wahl hat, wird man – ohne seine anderweitigen Interessen wie Familie und Kinderplanung völlig zu verleugnen – als effektiver Altruist folgenorientiert denken.

Zwar wird man eklatant ausbeuterische Unternehmen tunlichst meiden. Doch man muss moralisch anrüchige Gesichtspunkte der Unternehmenspolitik gegen die Chance abwägen, im Rahmen kapitalistischer Usancen möglichst viel Gutes zu tun. Das sind zum Teil schwierige Entscheidungen, und manche von ihnen mögen kaum lösbare Spannungen befördern – wie dies auch bei anderen ethischen Grundsatzfragen der Fall ist.

Die Leser des Buches von Singer dürfen nicht vergessen, dass es in besonderem Ausmaß auf US-amerikanische Verhältnisse zugeschnitten ist. Schon im Vorwort erklärt der Autor: "Die Philanthropie ist heute zu einem riesigen Geschäft geworden. Allein in den Vereinigten Staaten gibt es fast eine Million Wohltätigkeitsorganisationen, die jährlich 200 Milliarden Dollar an Spendengeldern erhalten; hinzu kommen noch einmal rund 100 Milliarden für Religionsgemeinschaften."

Das sind für europäische Verhältnisse unglaubliche Summen. Ihnen steht gegenüber, dass die USA traditionell kein Sozialstaat sind; außerdem liegt dort die individuelle Steuerleistung weit unter westeuropäischen Standards. Während sich Besserverdienende in Österreich rasch dem Maximalsteuersatz von 50 Prozent annähern, betragen die Steuern von Julia und Jeff ("federal tax", "state income tax", eventuell "local tax") knapp über 20 Prozent!

Man wird also davon auszugehen haben, dass sich das Spendenverhalten hierzulande nach der Maxime richtet, es sei primär Aufgabe des Staates, Armut zu bekämpfen. Daran wird die katholische Lehrtradition – auf die Singer ausdrücklich hinweist – kaum etwas ändern. Demnach entsteht Reichtum nur, weil man sich "herausgenommen" hat, "was zu gemeinsamer Nutzung gegeben ist".

Diese Haltung bekräftigte Papst Paul VI. in seiner Enzyklika Populorum progressio (1967): Reiche Länder seien verpflichtet, ihren Überfluss den Ärmeren zugutekommen zu lassen. Singers Kommentar: "Gilt es jedoch, das eklatante Versagen wohlhabender Katholiken anzuprangern, den Armen das zu geben, was ihnen der Kirche nach zusteht, dann herrscht Schweigen."

Singer diskutiert ohne doktrinäres Gehabe einen immer häufiger begangenen Weg von der praktischen Ethik zur ethischen Praxis. Und trotzdem kann ich ein Unbehagen nicht abschütteln. Der effektive Altruismus wird, sofern erfolgreich, unweigerlich zu einem Überbietungsstress führen nach dem Motto: Wer ist der Selbstloseste im ganzen Land?

Außerdem hat gerade der massenhaft praktizierte Spendenaltruismus einen sozialen Effekt, der ebenfalls fragwürdig anmutet: Individualisierte Charity, die den Staat zu nichts verpflichtet, lässt wenig Gefühl dafür entstehen, dass Gesellschaften einer Solidarpflicht unterliegen. Deren Erfüllung gegenüber den Benachteiligten sollte nur subsidiär vom guten Willen guter Menschen abhängig sein.

Dennoch: Singers Buch ist von Bedeutung für alle, welche die Moral nicht – wie unsere intellektuellen Zyniker – für eine Spielwiese der Gutmenschen halten. Und deshalb ist es auch für uns ein wichtiges Buch. (Peter Strasser, Album, 21.6.2016)

  • Peter Singer,  "Effektiver Altruismus". Aus dem  Englischen von  Jan-Erik Strasser. € 25,70 / 240  Seiten, Suhrkamp,  Berlin 2016
    foto: surhkamp

    Peter Singer, "Effektiver Altruismus". Aus dem Englischen von Jan-Erik Strasser. € 25,70 / 240 Seiten, Suhrkamp, Berlin 2016

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