Abigail Reynolds und Arye Wachsmuth: Politik der Knicke

18. Juni 2016, 16:00
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Die Künstler lassen in der Galerie Raum mit Licht in dunkle Abgründe blicken

Open the Borders" steht auf einem Foto von Arye Wachsmuths Installation Niemandsland. Und auch wenn auf keinem Bild der in der Wiener Galerie Raum mit Licht präsentierten mehrteiligen Arbeit nur ein einziger Flüchtling zu sehen ist, weiß man, worum es geht.

Anstatt den sogenannten Flüchtlingsstrom zu bebildern, hat Wachsmuth die Situation an den europäischen Grenzen bewusst nüchtern dokumentiert: Seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen die Geleise, an denen sich die Flüchtenden orientierten, Absperrbänder, die Parkplätze strukturierten, Zaunanlagen, aber auch die Zelte und die Müllhaufen, die die Gemüter erregten. Eine Tafel zeigt brechende Wellen, ein Detail aus Gustav Dorés Kupferstich Vernichtung des Leviathan (1865) – also jenes Seeungeheuers, das bei Thomas Hobbes den Zusammenhang von Macht, Dämonomanie und Angst symbolisiert.

foto: abigail reynolds, galerie raum mit licht
Bedrohlich schwarzer Rauch setzt sich in einer protestierenden Menschenmenge fort: Arbeit von Abigail Reynolds.

Arye Wachsmuth (geb. 1962) geht es in seiner Arbeit immer wieder darum, den dominanten politischen Narrativen alternative Sichtweisen gegenüberzustellen. Das zeigt sich auch angesichts einer Serie von Collagen, bei der er über die Abbildungen von Donald Judds berühmten minimalistischen Stelen Werbebilder von formal sehr ähnlichen Lautsprechern legt. Darin ähneln seine Arbeiten auch jenen von Abigail Reynolds (geb. 1975), die gemeinsam mit ihm die Ausstellung What Bird Has Done Yesterday ... bestreitet. Reynolds geht es ebenfalls um die Mehrschichtigkeit von Bildern und damit verbundene Perspektivenwechsel.

Weltenordnung brechen

Anders als Wachsmuth ist Reynolds inhaltlich allerdings mehr an architektonischen Repräsentationen von Macht und Ordnung interessiert: Untitled Breuer heißt etwa eine Lithografie, die die Innenansicht des von Marcel Breuer entworfenen Pariser Unesco-Gebäudes zeigt. Die Künstlerin hat die Abbildung des Sitzungssaals zunächst gefaltet und danach mit blauer Farbe bedruckt. So entstehen präzise gesetzte Knicke und Falten, die mit jener "Weltenordnung" brechen, in die der Sitzungssaal eigentlich eingeteilt ist.

Dass der Perspektivenwechsel für ihre Arbeit geradezu charakteristisch ist, zeigt eine Collageserie, die Bilder aus verschiedensten Kontexten, aber mit strukturellen Ähnlichkeiten, kombiniert: Sie lässt auf diese Weise nicht nur diverse Weltgegenden aufeinanderprallen, sondern verbindet auch eine politische Protestaktion mit dem dichten Rauch der Black Smokers, eines Naturphänomens.

Auf eine politische Message legt sie sich nicht unbedingt fest, während Wachsmuth meist sehr konkret wird. Dabei zeigt er in der Schau auch eine abstrakte Arbeit: Darauf zeichnet er mit den Farbabstufungen optischer Alarmsignale ein aktuelles, ziemlich erschreckendes Stimmungsbild. (Christa Benzer, Album, 17.6.2016)

Bis 9. 7., Galerie Raum mit Licht

Kaiserstraße 32, 1070 Wien

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