Dorit Margreiter: Die Komantschen-Braut und der Navajo-Cowboy

17. Juni 2016, 14:38
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Die mediale Konstruktion von Räumen beschäftigt die Künstlerin auch in ihrer neuesten Ausstellung in der Galerie Charim in Wien

An den Marlboro Man in rotem Hemd und mit weißem Cowboyhut, der sich in der Weite der dämmrig roten Prärie eine Zigarette gönnt, muss man denken. Vielleicht meint man in dem Reiter, der vor der atemberaubenden Kulisse der Tafelberge sein Pferd wendet, aber auch niemand anderen als John Wayne zu erkennen. Aber es ist keiner der beiden Wildwesthelden.

filmstill: dorit margreiter
Im Monument Valley drehten Regisseure wie John Ford oder Sergio Leone ihre Western: Künstlerin Dorit Margreiter interessiert sich für die filmische Konstruktion von Räumen.

Den Reiter hat Dorit Margreiter (geb. 1967 in Wien) für ihren in der Galerie Charim präsentierten neuen 16-mm-Film auf dem Felsvorsprung platziert, genauer gesagt auf ebenjenem exponierten Fleckchen des Colorado-Plateaus in Utah, das ein Schild als "John Ford's Point" ausweist. Der Regisseur hat insgesamt neun Filme hier im Monument Valley gedreht. Es ist ein vom Westerngenre beschworener Ort der erhabenen, grandiosen Natur und Einsamkeit.

Diese Konstruktion von Wirklichkeit durch das Kino, also jene von Medien gebauten Räume sind es, die Margreiter interessieren. Und deswegen ist die Künstlerin, die seit 2006 die Video-Professur an der Wiener Akademie der bildenden Künste innehat, auch so fasziniert von diesem Ort, an dem sich aufgrund der vielen hier realisierten Hollywoodproduktionen Realität und filmische Fiktion so nah kommen.

Zerstörte Wildwestromantik

2001 war sie schon einmal hier, um die Arbeit Long Shot (Monument Valley) zu verwirklichen. Margreiters Zugang war darin aber eher dokumentarisch, zeigte die gigantische Naturkulisse etwa zusammen mit den Spuren der heutigen Zivilisation, beispielsweise mit Absperrgittern oder mit vom Wind umgestürzten Tischen. Ein Zugang also, der den Mythos der Wildwestromantik eher dekonstruierte als beförderte: Das Grenzgebiet zwischen Utah und Arizona gehört zum Reservat der Navajo. In den 1950ern verdingten sich die Indigenen als Komparsen in den Filmproduktionen von John Ford, heute jobben sie als Fotomotiv für Touristen.

In Margreiters neuem, dreiminütigem Film Transfer (MonumentValley), dem Auftakt ihres auch sonst stark mit den Transfers und Verwandlungen von Medien beschäftigten Solos Neue Räume bei Charim, beschwört sie eher die nostalgischen Erinnerungen des Publikums an jene wildromantischen Hollywoodfilme: Sie spielt damit, ergänzt sie aber um eine kritische, überraschende Pointe.

Eine wesentliche Rolle für die kurze, aber auf den Punkt geratene Arbeit hat Fords wohl berühmtester Film The Searchers (Der schwarze Falke) von 1956 gespielt: Darin spielt Wayne einen aus dem Sezessionskrieg heimgekehrten Mann, der auf der Suche nach seiner von Indianern verschleppten Nichte jahrelang das Land durchkämmt. Als er sie schließlich doch findet, als inzwischen assimiliertes Mitglied des Stammes der Komantschen, will er die entehrte "Komantschenbraut" erschießen.

Margreiter folgt freilich nicht der Narration des Filmes, aber die darin thematisierten rassistischen Dimensionen verhandelt sie mit einem anderen Kniff: Als die Kamera ihren berittenen Cowboy in Nahsicht zeigt, stellt dieser sich als erst zwölfjähriger Navajo heraus.

Entlarvt wird auch noch ein anderer Filmtrick: Er legt offen, dass die Naturmonumente, die bei Ford völlig verschiedene Gegenden markieren, Teil desselben Valleys sind. Margreiter gefällt die Idee, dass sich der Realraum im filmischen gewaltig ausdehnt. (Anne Katrin Feßler, Album, 17.6.2016)

Bis 31. 7., Charim Galerie Wien

Dorotheergasse 12, 1010 Wien

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