Attentat auf Labour-Abgeordnete: Ein Mord als Signal

Kommentar17. Juni 2016, 11:22
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Die Brexit-Befürworter sollten zu Ehren der ermordeten Politikerin Jo Cox ihre Rhetorik zurückschrauben. Die Stimmung ist gefährlich aufgeheizt

Warum kommt Mama nicht wieder? Wo ist sie denn? Tod, was ist das? Brendan Cox, seine Familie und Freunde haben die denkbar schwerste Aufgabe: Sie müssen den drei und fünf Jahre alten Kindern von Jo Cox den Tod ihrer Mutter erklären.

Dabei bleibt der Mord an der jungen Labour-Abgeordneten unerklärlich. Was bringt einen unauffälligen, einsamen Mann dazu, seine lokale Politikerin auszuspionieren, ihr am helllichten Tag aufzulauern, sie mit einer offenbar selbstgebauten Waffe niederzuschießen und dann noch auf die Wehrlose einzustechen? Woher rührt der Hass?

Ob der Täter wirklich, wie von Ohrenzeugen behauptet, eine rechtsextreme Parole rief oder die Tat eine Kulmination seiner langen psychischen Krankheitsgeschichte darstellt, muss die Kriminalpolizei klären. Die Briten scheuen vor voreiligen Schlussfolgerungen zurück. Man will knapp eine Woche vor der EU-Volksabstimmung nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Das könnte die ohnehin fiebrige Atmosphäre anheizen.

Wer den Referendumskampf der vergangenen Wochen beobachtet hat, wird aber um einige Schlussfolgerungen nicht herumkommen. Auf der Insel wie anderswo in Demokratien westlicher Prägung haben das Misstrauen, die Verachtung, ja der Hass gegenüber Politikern ein gefährliches Ausmaß angenommen. Wenn es um die EU geht, stehen natürlich die Abgeordneten und Kommissionsmitglieder in Brüssel in der Schusslinie. Aber das Parlament in Westminster und die Landtage der kleineren Regionen genießen kaum höheres Ansehen.

Hässliche Skandale

Brüssel wie London haben in jüngster Vergangenheit durch hässliche Skandale von sich reden gemacht. Teils altgediente Parlamentarier wurden bei nackter Geldgier erwischt. Sie dienten sich Lobbyisten "wie ein Taxi" an – präziser wäre der Vergleich mit einer Prostituierten gewesen. Korruption, Zynismus, Karrierismus gibt es in der Politik wie in allen Berufen, in denen Menschen um Macht und Einfluss konkurrieren. Aber es gibt in der Politik auch viele, sehr viele wie Jo Cox: beseelt von wunderbarem Idealismus; dazu entschlossen, zum Wohl jener Menschen zu arbeiten, für die sie gewählt wurden; fähig zu parteiübergreifender Zusammenarbeit und klugen Kompromissen, ohne die kein demokratischer Staat auskommt.

Medien in Großbritannien wie anderswo reden und schreiben viel über die Skandale. Das ist ihre Aufgabe. Aber sie verstärken auch auf häufig unverantwortliche Weise die billigen Parolen jener, die Worte als Waffen benutzen. Hinzu kommen die sozialen Medien. Sie haben zur Brutalisierung und Verschmutzung der politischen Sprache beigetragen. Auch Jo Cox musste sich seit Monaten von anonymen Hassern auf das Widerwärtigste beschimpfen lassen.

Verschärfung

Auf der Insel hat die Volksabstimmung eine zusätzliche Verschärfung der politischen Debatte gebracht. Das Land wirke "wie im Fieber", hat der Autor Robert Winder beobachtet. Tatsächlich klingen manche Parolen wie Fieberträume. Auch das Lager der EU-Befürworter hat sich alberne Übertreibungen und falsche Alarmrufe zuschulden kommen lassen. Die Schuld an der gefährlichen Zuspitzung der Debatte liegt aber ganz überwiegend bei den Brexit-Befürwortern.

Nigel Farage, Boris Johnson und andere operieren mit frei erfundenen Zahlen und rassistischen Parolen. Ihre Anhänger nennen sich Historiker/Wissenschafter/Christen "für Britannien" und suggerieren damit: Wer nicht für den Austritt ist, dem fehlt der nötige Patriotismus. Sie unterstellen all jenen, die mehr oder weniger begeistert für den Verbleib im Brüsseler Klub eintreten, diese seien "gekauft" oder "unter Druck gesetzt" worden.

Die EU-Feinde haben sich in den vergangenen Wochen in Rage geredet. Ihre Wut beschränkt sich auf die politische Debatte, aber sie wirkt in die Gesellschaft hinein. Man muss den Briten wünschen, dass der Mord an Jo Cox als kalte Dusche wirkt auf die viel zu erhitzte Rhetorik. (Sebastian Borger aus London, 17.6.2016)

  • Fassungslosigkeit bei Parteikollegen der Ermordeten.
    foto: reuters/phil noble

    Fassungslosigkeit bei Parteikollegen der Ermordeten.

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