Tschechien sucht seit Jahren nach Standort für Atommüllendlager

17. Juni 2016, 10:34
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Sieben Orte im Visier, die meisten liegen im Süden

Prag – Seit Jahren sucht Tschechien nach einem geeigneten Standort für ein Atommüllendlager. Insgesamt sieben Lokalitäten sind im Gespräch, wobei einige von ihnen relativ nahe der österreichischen Grenze liegen. Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP) hat am Donnerstag in Prag seine Bedenken gegenüber den Plänen geäußert.

Alle sieben Standorte haben die entsprechende Zustimmung des Prager Umweltministeriums für erste geologische Forschungen. Die eigenen Arbeiten an Ort und Stelle haben aber noch nicht begonnen. Gegner des Endlagers versuchen mit Gerichtsklagen die Aufhebung der Genehmigung des Ministeriums zu erzielen.

Auch Rupprechter deponierte im Gespräch mit dem tschechischen Umweltminister Richard Brabec in Prag seine Sorge. Rupprechter würde es begrüßen, wenn das Endlager im Norden Tschechiens errichtet würde, wie die Nachrichtenagentur CTK berichtete.

Standort nur 20 Kilometer von Österreich entfernt

Der Österreich am nächsten gelegene Standort ist das südböhmische Cihadlo bei Lodherov (Riegerschlag) – nur etwa 20 Kilometer von der Grenze. Ein anderer Standort namens Kravi Hora bei Moravecke Pavlovice (Morawetz Pawlowitz) nordwestlich von Brünn befindet sich 80 Kilometer nördlich von Laa an der Thaya.

Im Visier hat Tschechien fünf weitere Orte: Horka (Kreis Vysocina), Hradek (Kreis Vysocina), Magdalena (Südböhmischer Kreis, nordwestlich von Tabor), Brezovy potok (Pilsener Kreis) und westböhmische Certovka (etwa 40 Kilometer östlich von Karlsbad).

Bisher wird der radioaktive Müll in den Zwischenlagern in den Atomkraftwerken Temelin und Dukovany gelagert, ab 2065 sollte er aber in das Endlager kommen. Der Fahrplan der tschechischen Regierung sieht vor, dass bis 2018 zwei der möglichen sieben Orte in eine "Stichwahl" kommen.

Bis 2025 sollte dann klar sein, an welchem konkreten Standort das Endlager errichtet wird. Der Beginn der entsprechenden Umweltverträglichkeitsprüfung ist für 2045 geplant. Erst 2050 sollte die erste Phase des Aufbaus beginnen, sodass das Endlager 2065 in Betrieb genommen werden kann.

"Wissenschaft kann keine Garantien geben"

Die staatliche Verwaltung zur Aufbewahrung von radioaktivem Abfall (SURAO) versucht, die Befürchtungen der Kritiker zu entkräften. Außer "Motivationszahlungen" aus dem Staatsbudget an die betroffenen Gemeinden versichert SURAO, das Endlager werde in einem Granit-Massiv etwa 500 Meter unter dem Erdboden errichtet. Die Container für den Atommüll sollten gegen hohen Druck, hohe Temperaturen, gegen Radioaktivität sowie Korrosion beständig sein.

Laut Edvard Sequens von der tschechischen Umweltvereinigung Calla kann man jedoch heute nicht garantieren, dass die Container für immer dicht bleiben. "Derartige Garantien kann die Wissenschaft heute noch nicht geben. Man kann nicht sagen, dass alles gelöst ist und dass es reicht, den richtigen Standort zu finden und den Müll zu lagern beginnen", sagte Sequens.

Laut den Plänen soll das Endlager insgesamt 76 Kilometer Korridore mit 250 Lagerungs-Bohrungen, deren Kapazität bis zu 6.000 Container ist. Dies sollte für rund 9.000 Tonnen von Atommüll reichen.

Die aktuellen Pläne Tschechiens rechnen mit dem Ausbau der Atomenergie-Industrie. 2015 beschloss die Regierung den entsprechenden Nationalen Aktionsplan, der die Errichtung je eines weiteren Reaktorblocks in Temelin und Dukovany vorsieht. Später könnten zwei weitere Blöcke folgen. Die Kosten für die Errichtung von zwei neuen Reaktorblöcken werden auf bis zu 300 Mrd. Kronen (11,08 Mrd. Euro) geschätzt. Laut den ursprünglichen Plänen sollen sie 2025 fertig sein. Zur Umsetzung der Pläne hat die Regierung am Mittwoch einen neuen Bevollmächtigten für die Atomenergie für kommende vier Jahre ernannt – den einstigen Chef der Atombehörde (SUKB) Jan Stuller. (APA, 17.6.2016)

  • Umweltminister Andrä Rupprechter würde es begrüßen, wenn das Endlager im Norden Tschechiens errichtet würde.
    foto: apa/helmut fohringer

    Umweltminister Andrä Rupprechter würde es begrüßen, wenn das Endlager im Norden Tschechiens errichtet würde.

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