Was Flüchtlingskinder für die Bildungslandschaft bedeuten

21. Juni 2016, 08:00
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Flüchtlinge würden die Schulen nicht runterziehen, waren sich Experten bei einer Podiumsdiskussion einig

Es seien doch mehr geworden als ursprünglich geplant, hieß es vor wenigen Wochen aus dem Büro des Wiener Stadtschulrats. Gemeint sind die reinen Flüchtlingsklassen, in Wien sind es aktuell 17. Die Botschaft wurde mit einem gewissen Bedauern ausgesendet, sind die getrennten Klassen doch für viele ein Zeichen dafür, dass das heimische Bildungssystem nicht mit den Flüchtlingskindern fertig wird.

foto: fischer

Welche Auswirkungen geflüchtete Kinder und Jugendliche auf die heimische Bildungslandschaft haben, diskutierten vergangene Woche fünf Experten an der FH der WKW in Wien. Es war die Abschlussveranstaltung der von freiwilligen Mitarbeitern der FH organisierten Veranstaltungsreihe "Flucht verstehen – Bewusstsein schaffen – Integration leben".

Missstände kommen an die Oberfläche

Das Podium ist sich schon zu Beginn einig: "Nein, Flüchtlingskinder ziehen die Schulen nicht runter." Vielmehr würden durch sie nun strukturelle Missstände an die Oberfläche kommen, die es bereits seit Jahren gebe.

foto: corn
Von links: Daniela Cochlar (Leiterin MA10 Wiener Kindergärten), Heidi Schrodt (Verein Bildung Grenzenlos), Elisabeth Fiorioli (Uniko-Generalsekretärin), Moderatorin Lara Hagen (STANDARD), Faiza Sadek-Stolz (Teach for Austria) und Michael Chalupka (Diakonie-Direktor).

Beispielsweise verschließe man schon lange die Augen davor, dass Österreich ein Einwanderungsland sei, sagt Heidi Schrodt. Die ehemalige Direktorin der AHS Rahlgasse in Wien kritisiert, dass auch jetzt nur punktuell und anlassbezogen reagiert wird. "Wir haben noch immer eine Schule, die auf eine monolinguale, homogene Schülerschaft ausgelegt ist." In Wirklichkeit habe man im heimischen Schulsystem ein soziales Problem: Die Kombination aus ökonomisch schwachem, bildungsfernem Elternhaus und einer anderen Erstsprache als Deutsch sei für die Aufstiegschancen fatal, das hat nicht zuletzt auch der aktuelle Bildungsbericht gezeigt. Getrennte Flüchtlingsklassen seien jedenfalls nicht das Problem, sagt Schrodt, denn mit einer guten Infrastruktur könne man solche Übergangslösungen schon verkraften.

Fehlende Unterstützung,...

Faiza Sadek-Stolz hat mit der von Schrodt angesprochenen Kombination täglich zu tun. Seit Herbst unterrichtet sie als Fellow von Teach for Austria an einer Neuen Mittelschule (NMS) in Wien-Alsergrund, ist also eine Quereinsteigerin im Lehrerberuf. 90 Prozent der Kinder hätten eine andere Erstsprache als Deutsch, viele kämen zusätzlich aus armen Familien. Die größte Überraschung sei für sie gewesen, dass Lehrerinnen und Lehrer mit vielem alleingelassen werden. "Nicht das Unterrichten war die Herausforderung, sondern die Extraaufgaben wie Mutter zu sein für die Kinder, Schulpsychologin, Sozialarbeiterin, Übersetzerin. Darauf kann man sich nicht zu Hause vorbereiten", sagt Sadek-Stolz. Man könne als Schule da auch nur schwer auf Eigeninitiative setzen und reagieren – mehr Schulautonomie könne hier eine Lösung sein. Da stimmen ihr auch die anderen Podiumsteilnehmer zu.

foto: apa/dpa/daniel karmann

... und unterschiedliche Verteilung

Dass Kinder mit Fluchthintergrund gerade in Schulen kommen, in denen die Schüler selber zu kämpfen haben, ist für Sadek-Stolz kontraproduktiv. "Es fällt unseren Schülern aufgrund ihrer eigenen Probleme sehr schwer, Flüchtlingskinder aufzufangen." Österreichweit rechnet man bis zum Sommer mit 14.000 Flüchtlingskindern in Schulen – die Gesamtschülerzahl steigt damit um ein Prozent. Der Großteil der Kinder befindet sich in den NMS und Volksschulen – nur 144 besuchen ein Gymnasium.

Chalupka: Schulpflicht verlängern

Diakonie-Direktor Michael Chalupka erinnert an jene, die mit 15 aus der Schulpflicht fallen. Dass eine Verlängerung bis 18 Sinn ergeben würde, ist ein weiterer Punkt, in dem sich die Diskutanten einig sind. "In Österreich muss zunächst bewiesen werden, dass man überhaupt noch als Jugendlicher gilt. Man könnte die Kinder aber auch einfach als solche behandeln", kritisiert Chalupka. Es gebe mittlerweile viele Initiativen, wo jugendliche Flüchtlinge den Hauptschulabschluss nachholen können. Aber ein System – gemeint sei auch der leichtere Zugang zu Lehrstellen – vermisst Chalupka.

foto: corn

Kindergärten kommen klar

An den städtischen Kindergärten gebe es keine Dramatik, sagt Daniela Cochlar, Abteilungsleiterin der MA-10-Wiener Kindergärten: Von 27.700 Plätzen in Wien nehmen 541 Flüchtlingskinder ein. In 200 von 348 Standorten gebe es überhaupt keine. Die Kinder kämen auch wesentlich früher als nur zum verpflichtenden Kindergartenjahr – "und das ist auch gut so. Denn die Kultur ist ganz unterschiedlich, auch die Eltern müssen sich an viel Neues gewöhnen im Umgang mit Institutionen. Da ist es hilfreich, schon im Kindergarten zu sehen, wie das hier funktioniert."

Unis: Erfolge, aber auch Baustellen

Die Generalsekretärin der Universitätenkonferez, Elisabeth Fiorioli, konnte vom guten ersten Semester der "More"-Initiative erzählen. Mehr als 700 Flüchtlingen wurde ein unbürokratischer Zugang an die Uni – als außerordentliche Studierende – ermöglicht. Natürlich gebe es auch Baustellen – so verlieren Asylberechtigte den Anspruch auf Mindestsicherung, wenn sie den Vorstudienlehrgang besuchen oder eine Nostrifizierung ihrer im Ausland absolvierten Abschlüsse anstreben. (lhag, 21.6.2016)

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