Verdächtiger im Mordfall Cox soll Kontakt zu Neonazis gehabt haben

17. Juni 2016, 11:36
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Die Polizei sucht nach Motiven für das Attentat auf Jo Cox. Die ermordete Labour-Abgeordnete hatte Drohungen erhalten

London – Nach der Ermordung der britischen Abgeordneten Jo Cox konzentriert sich die Arbeit der Ermittler auf die Motive des Täters. Der festgenommene Tatverdächtige werde von der Polizei weiter intensiv vernommen, berichtete der Sender BBC am Freitag.

Drohungen

Cox hatte vor ihrem Tod Drohungen erhalten. Die Labour-Politikerin habe sich bei der Polizei gemeldet, weil sie "bösartige Mitteilungen" erhalten habe, erklärten die Sicherheitsbehörden am Freitag. Die Polizei habe in diesem Zusammenhang im März einen Mann festgenommen, der später eine Verwarnung akzeptiert habe. Bei ihm handle es sich allerdings nicht um den 52-Jährigen, der am Donnerstag in Gewahrsam genommen wurde. Die Polizei ergriff diesen Mann in der Nähe des Tatorts, an dem Cox kurz zuvor getötet worden war.

Cox war für den Verbleib Großbritanniens in der EU eingetreten. Wenige Tage vor der Volksabstimmung über einen Brexit steht daher die Frage im Mittelpunkt, ob die Tat in Zusammenhang mit dem aufgeheizten Wahlkampf steht. Ein Bruder des Verdächtigen äußerte allerdings Zweifel an politischen Motiven hinter dem Verbrechen.

Unklar war, wann die Politiker ihre unterbrochene Kampagne zum EU-Referendum am 23. Juni wieder aufnehmen. Auch die Auswirkungen der Tat auf den Ausgang des Votums sind unklar.

Cameron ruft zur Toleranz auf

Nach dem Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox hat der britische Premierminister David Cameron zur Toleranz aufgerufen. "Wo wir Hass sehen, wo wir Spaltung sehen, wo wir Intoleranz sehen, müssen wir sie zurückdrängen", sagte Cameron am Freitag bei einem gemeinsamen Besuch mit Labour-Chef Jeremy Corbyn nahe dem Tatort im nordenglischen Birstall.

Auf Bitten Corbyns berief Cameron das Parlament für Montag zu einer Gedenkstunde zu Ehren von Cox ein. Die 41-jährige Unterhaus-Abgeordnete und Mutter zweier kleiner Kinder war am Donnerstagnachmittag im nordenglischen Birstall auf offener Straße getötet worden.

Bruder berichtet von "psychischen Krankheiten"

Die Zeitung "The Telegraph" zitierte einen Bruder des Verdächtigen mit den Worten, dieser habe eine "Geschichte psychischer Krankheiten, allerdings hatte er Hilfe gehabt". Er fügte hinzu: "Mein Bruder ist nicht gewalttätig und ist überhaupt nicht politisch."

Diesen Schilderungen widerspricht das US-amerikanische Southern Poverty Law Center, eine Anti-Rassismus-Organisation, die Beweise für eine Mitgliedschaft des Verdächtigen in der US-amerikanischen Neonazi-Vereinigung National Alliance haben will.

Täter soll "Britain first" gerufen haben

Cox war am Donnerstag in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire auf offener Straße niedergestochen und niedergeschossen worden. Die 41-Jährige starb nur Stunden später im Krankenhaus. Politiker aller Parteien äußerten sich schockiert.

Britische Medien berichteten unter Berufung auf Augenzeugen, der Täter habe "Britain first" gerufen, als er festgenommen wurde. Eine Bestätigung gab es dafür nicht. Der Ruf bedeutet "Großbritannien zuerst", ist aber auch der Name einer rechtsradikalen Partei.

Cameron entsetzt

"Das sind äußerst tragische und schreckliche Nachrichten", sagte Premierminister David Cameron Im ganzen Land wurden Mahnwachen abgehalten und Fahnen auf halbmast gesetzt. Cox hatte sich für einen Verbleib in der EU starkgemacht. Sie galt zudem als Verfechterin einer liberalen Flüchtlingspolitik und hatte sich wiederholt für die Aufnahme von Bürgerkriegsopfern aus Syrien eingesetzt.

Das US-Außenministerium zeigte sich "geschockt und entsetzt", die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sprach von einem "tragischen Vorfall". Bundeskanzler Christian Kern zitierte in einer Reaktion auf Facebook das "klare, starke Statement" von Cox' Ehemann: "Hass hat keine Überzeugung, Ethnie oder Religion, er ist giftig." Kern zeigte sich "tief erschüttert und betroffen" und sprach der Familie der Getöteten sein Mitgefühl aus. (red, APA, 17.6.2016)

  • Trauer um die Labour-Abgeordnete Jo Cox.
    foto: afp photo / daniel leal-olivas

    Trauer um die Labour-Abgeordnete Jo Cox.

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