Schwarz gegen Rot: Kein Fall für zwei im ORF

17. Juni 2016, 07:00
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Wer führt ab 2017 den ORF? Der bürgerliche Finanzdirektor Richard Grasl arbeitet an der Mehrheit – auch mit Schwächen seines Chefs Alexander Wrabetz

Haben wir jetzt eine Mehrheit? So enden Gespräche, die Richard Grasl in diesen Wochen mit ORF-Stiftungsräten führt. Gespräche mit jener Handvoll der 35 Räte, die am 9. August zwischen gleich starken Blöcken von Rot und Schwarz entscheiden, wer Österreichs größten Medienkonzern ab 2017 führt.

Grasl nimmt zu den Gesprächen gern bürgerliche ORF-Stiftungsräte mit. Die stellen dann Fragen nach dem Wir und der Mehrheit. Schon lange, bevor ORF-Finanzdirektor Grasl sein Antreten gegen seinen bisherigen Boss Alexander Wrabetz offiziell macht.

In den Gesprächen positioniert sich der Wirtssohn aus Krems und in Erwin Prölls Niederösterreich sozialisierte Journalist als Antithese zum Juristen, Manager und Sozialdemokraten Wrabetz. Der führt den ORF seit 2007.

2006 setzte sich ORF-Finanzdirektor Wrabetz gegen seine bürgerliche ORF-Generalin Monika Lindner und einen schwarzen Kanzler durch. Mithilfe diverser Freiheitlicher, Unabhängiger und Grüner. Und mit der Rebellion der ORF-Redakteure gegen den bürgerlich-zentralistischen Chefredakteur Werner Mück als Begleitmusik.

Farbenspiele im Stiftungsrat (zum Vergrößern)

grafik: standard

Mängellisten und Erinnerungen

Wie selbstbewusst, selbstbestimmt, vielleicht eigensinnig ORF-Redakteure unter Wrabetz agieren: Das steht auf Grasls Mängelliste. Generalthema, so ein Stiftungsrat: "Was Wrabetz falsch macht, und was er besser machen würde." Das klingt nach dem Highlander-Prinzip: Es kann nur einen von ihnen geben, auf dem Küniglberg, ab 2017. Grasl könnte dann zu den Lotterien wechseln, heißt es.

Wrabetz sagte im STANDARD-Interview, er werde die Redakteursrechte weiter stärken. Sie sollen neue Führungskräfte nach einem Jahr bindend abwählen können. Grasl will mit Kräften von außen, wohl auch einem Infodirektor, die Information "neu aufstellen".

Einen Infodirektor, dem die Chefredakteure aller ORF-Kanäle unterstellt sein sollten, plante Wrabetz 2015, gab die Idee nach Widerstand der ÖVP-Stiftungsräte gegen diese starke Position aber gleich auf.

Heute hat das Nein des Neos-Stiftungsrats Hans Peter Haselsteiner gegen einen mächtigen Infochef über alle ORF-Medien mehr Gewicht: Einzelkämpfer entscheiden im Stiftungsrat, wenn SPÖ und ÖVP einander gegenüberstehen. Wie Haselsteiner, Wilfried Embacher (Grüne), der Unabhängige Franz Küberl oder Norbert Steger. Steger vertritt die FPÖ, deren Vertrauen in die ÖVP die Besetzung des Rechnungshofs belastete.

Kleingruppenhearing

Die Einzelkämpfer haben also noch viel zu reden bis 9. August. Manchmal auch gemeinsam: Eine Woche vor der Wahl, am 2. August, stellt sich Wrabetz einem Kleingruppenhearing mit Haselsteiner, Embacher und Stronach-Stiftungsrat Günter Leitold. Ein öffentliches Hearing beantragen Haselsteiner und Embacher kommende Woche im Stiftungsrat. Wrabetz wie Grasl zeigten sich bereit.

Nicht nur der Feind in seinem Board wirft ORF-Chef Wrabetz strategische Durchlässigkeit für politische Wünsche, mangelnde Verlässlichkeit, Taktieren, Verzögern – auch in Programmfragen – vor. Grasl präsentiert sich als Macher, verbindlich, entschieden, auch bereit zu Fehlern. Was er sich ausmacht, setzt er um. Darin kann man auch eine "Gefahr" sehen, sagt der Grüne Embacher. Im STANDARD-Interview mahnte er Veränderungen ein.

Grasl wird wohl wieder konfrontiert mit seinem Versuch, den Chefredakteur der APA loszuwerden. Mit den aus dem Ruder laufenden Kosten für die Sanierung des ORF-Standorts Küniglberg, die er durchsetzte, wesentlich managte und bis zu den Problemen auch im Stiftungsrat präsentierte. Und, wenn er auf schwarze Zahlen des ORF verweist, seit er Finanzdirektor ist: Erst mit seinem Wechsel gab die ÖVP 2009 ihren Widerstand gegen 160 Millionen Euro Sondersubvention der Republik (samt gesetzlicher Sparvorgabe) auf. Die APA schrieb vom "teuersten ORF-Transfer aller Zeiten".

Nächste Etappe: Gebührenerhöhung

Kommende Woche tagt der Stiftungsrat ein letztes Mal vor der Wahl. Eine gute Gelegenheit für Grasl, sich zu deklarieren.

Und wer immer die Mehrheit am 9. August hat, er braucht bald weitere: für die neuen Direktoren und Landesdirektoren, und im Herbst für die nächste Schlüsselfrage: die Gebührenerhöhung ab Juni 2017.

Da wird es gleich noch einmal enger als bei der Generalswahl: Die fünf Betriebsräte im Stiftungsrat dürfen da nicht mitstimmen. Die FPÖ, und wohl auch ihr Stiftungsrat, wird das nicht wollen. Dafür wird es rote und schwarze Stiftungsräte brauchen. (Harald Fidler, 17.6.2016)

ORF-Wahl: Worum es geht

Größer als die vier größten Verlagskonzerne zusammen

Der Generaldirektor des ORF führt Österreichs mit Abstand größten Medienkonzern. 991,3 Millionen Euro nahm der ORF im Jahr 2015 ein. Damit setzte der öffentlich-rechtliche Rundfunk laut Medienranking des STANDARD mehr um als die vier größten Verlagskonzerne des Landes zusammen. Die Krone-Kurier-Mutter Mediaprint kommt auf rund 430 Millionen Euro, die Styria dürfte 2015 um 320 Millionen Euro Konzernumsatz liegen.

Der ORF erreicht mit seinen Hauptprogrammen ORF 1, ORF 2, dem Kultur- und Infokanal ORF 3 und ORF Sport Plus pro Tag 3,58 Millionen Menschen in Österreich, sagt der Teletest. Das entspricht fast 50 Prozent der im Teletest abgebildeten Bevölkerung ab zwölf Jahren. 36 Prozent aller gesehenen Fernsehminuten laufen im ORF. "ZiB"-Sendungen erreichen pro Tag 31 Prozent der Bevölkerung, in der Woche 65 Prozent.

Die ORF-Radios von Ö3 bis Ö1, von FM4 bis Radio Vorarlberg erreichen pro Tag mehr als 61 Prozent der Menschen ab zehn Jahren. Marktanteil unter allen Radios in Österreich: gemeinsam 70 Prozent.

"ORF On" ist reichweitenstärkstes österreichisches Onlinemedium mit 10,4 Prozent Tagesreichweite, doppelt so groß wie willhaben.at.

Laut einer ORF-eigenen Studie von Herbst 2015 konsumieren rund 92 Prozent der Österreicher pro Tag zumindest ein ORF-Angebot. (fid)

Wie wird man ORF-General?

Die passenden Direktoren können bei den 35 Stiftungsräten helfen

Die 35 Stiftungsräte des ORF bestellen laut Gesetz den Alleingeschäftsführer für fünf Jahre und mit einfacher Mehrheit, also 18 Stimmen. Aber: Jede Enthaltung reduziert das Quorum. Und bei Stimmengleichstand entscheidet die Stimme des (derzeit roten) Ratsvorsitzenden.

Wer sind diese Stiftungsräte? Sie werden von der Bundesregierung (9), Bundesländern (9), Parteien (6), ORF-Publikumsrat (6) und ORF-Betriebsrat (5) entsandt. Die großen Fraktionen ("Freundeskreise"), derzeit SPÖ und ÖVP, besprechen Themen und Abstimmungen vor. Im August 2016 stehen sie einander aus heutiger Sicht gegenüber. Jeder künftige General braucht dann genug Einzelkämpfer.

Wie überzeugt man Stiftungsräte? Mit zukunftsträchtigen Konzepten zum Besten des ORF. Aber meist nicht alleine.

Mit Managementjobs für sie selbst gelang das oft, der ORF-Technikdirektor und der Tiroler Landesdirektor etwa stimmten als Stiftungsräte 2011 für Alexander Wrabetz. Direkte Wechsel verbietet nun aber ein Corporate-Governance-Kodex.

Mit politisch genehmen oder aus anderen Gründen erwünschten ORF-Direktoren, Landesdirektoren oder anderen Führungsjobs können Generäle Stiftungsräte etwa der Bundesländer auch gegen ihre Fraktion gewinnen (oder zu Enthaltungen bewegen); man kann auch mit weniger genehmen Landesdirektoren drohen. (fid)

  • Alexander Wrabetz (56) und Richard Grasl (42).
    fotos: apa/wenzel/jäger

    Alexander Wrabetz (56) und Richard Grasl (42).

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