1972: Lücke im Prater, Loblied auf Deutschland

Video16. Juni 2016, 17:36
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Manch einer sagt, jene DFB-Elf, die 1972 ungeschlagen zum Titel zauberte, sei die beste deutsche Mannschaft aller Zeiten gewesen

Das Turnier wurde geprägt von einem beeindruckenden Durchmarsch der deutschen Mannschaft, die, angefangen von der Qualifikation bis zum 3:0 im Finale gegen die Sowjetunion, ungeschlagen blieb. Landauf, landab kam der Kontinent nicht umhin, dem Offensivspiel der Elf um Ausnahmekönner wie Beckenbauer, Hoeneß, Netzer, Heynckes oder Müller Lobeshymnen zu singen. Gerd Müller steuerte im Finale das erste und das dritte Tor bei, zwischendurch traf Herbert Wimmer. Bis heute gilt diese Elf vielen als das beste deutsche Team aller Zeiten.

Ihr Meisterstück lieferte es womöglich schon im Viertelfinale, damals als K.-o.-Duell mit Hin- und Rückspiel ausgetragen. Ein 3:1-Sieg gegen England in Wembley, der erste auf englischem Boden, geriet zu einer derartigen Demonstration der Überlegenheit, dass der Observer seinen Spielbericht mit dem resignativen Intro beginnen ließ: "No Englishman can ever again warm himself with the old assumption that, on the football field if nowhere else, the Germans are an inferior race." Für England unter Weltmeistertrainer Sir Alf Ramsey setzte sich ein Negativtrend fort. Es sollte bis 1980 dauern, ehe sich die Briten wieder für ein großes Turnier qualifizieren konnten.

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West Germanys Auftritt in Wembley ließ England seufzen.

Neben den Deutschen machte Außenseiter Belgien von sich reden, es wurde offenbar, dass der Fußball des Landes zur internationalen Spitze aufgeschlossen hatte. Im Viertelfinale schickte man den regierenden Champion Italien nach Hause und wurde von der Uefa mit der Ausrichtung der Endrunde belohnt. Während 60.000 in Antwerpen Zeugen wurden, wie ein kampfstarkes, taktisch auf der Höhe der Zeit befindliches belgisches Team seine Kampagne gegen übermächtige Deutsche mit 1:2 zu einem durchaus ehrenvollen Ende brachte, ging das zu gleicher Zeit ausgetragene zweite Halbfinale quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit vonstatten: Nicht mehr als 1700 Personen verirrten sich zur Begegnung zwischen der Sowjetunion und Ungarn. Die Sowjets gewannen 1:0, und auch im Spiel um Platz drei musste sich Ungarn knapp geschlagen geben – 1:2 gegen die Roten Teufel.

Ruflose Österreicher

Österreichs Team war traditionell über die Qualifikation nicht hinausgekommen, zog sich mit Platz zwei in einer starken Gruppe mit Italien und Schweden aber respektabel aus der Affäre. Gegen die Azzurri gab’s für die Mannschaft von Trainer Leopold Stastny ein 2:2 in Rom und ein 1:2 im Prater. Angesichts des Enthusiasmus der nach Wien angereisten italienischen Fans trat eine irritierende Lücke umso deutlicher in Erscheinung. "Was rufen eigentlich die österreichischen Schlachtenbummler?", frug der Berichterstatter der AZ. Einen populären Schlachtruf gab es damals noch nicht. "Immer wieder Österreich" intoniert man schließlich erst seit 1978. (Michael Robausch, 16.6. 2016)

  • Günter Netzer gab bei Deutschland den Taktgeber.
    foto: imago

    Günter Netzer gab bei Deutschland den Taktgeber.

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