Ein Bär und seine Probleme

17. Juni 2016, 05:30
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Ungünstige Nahrung, Einschränkung des Lebensraums, geringe Fortpflanzungsrate: Nun setzt den Pandas auch noch ein mutiertes Staupevirus zu

Changchun/Wien – Die wahren Problembären sind nicht braun und brechen Imkern gelegentlich die Bienenstöcke auf, sondern schwarz-weiß – und Artenschützer würden ihnen wünschen, dass sie derart kreative Zerstörungskraft aufbrächten. Stattdessen mümmeln Große Pandas (Ailuropoda melanoleuca) fast ausschließlich an Pflanzen herum. Den größten Teil davon macht Bambus aus, eine nährstoffarme Kost, die ihr Raubtierverdauungssystem allerdings nicht optimal verwerten kann. Weshalb sie den Bambus in rauen Mengen runterwürgen müssen – laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der Drexel University in Philadelphia sind es etwa 13 bis 15 Kilo pro Tag.

Mit dieser etwas ungünstigen Ausgangslage fangen die Probleme der Bären aber erst an. An oberster Stelle der Liste steht der Verlust an Lebensraum. Die Ausbreitung von Landwirtschafts- und Siedlungsflächen hat den Pandas den größten Teil ihres einstigen Verbreitungsgebiets genommen. Heute leben die nach letzter Zählung gut 1.800 verbliebenen wildlebenden Pandas in einigen west- und zentralchinesischen Gebirgsregionen, verteilt über einen Archipel isolierter Schutzgebiete.

Mangelhafte Aktivität

Und Platzbedarf haben sie, denn die eigenbrötlerisch veranlagten Pandas gehen Artgenossen in der Regel aus dem Weg. Nur zur Paarungszeit im Frühling finden sie sich zusammen. Und hier lauert schon das nächste Problem: Nachzuchtprogramme sind ein integraler Bestandteil der Bemühungen, die Art am Leben zu halten. Doch Pandas sind in Gefangenschaft notorisch schwierig zur Fortpflanzung zu bewegen, weshalb jede Pandageburt zum Medienereignis gerät. Schlagzeilen machten die mehrmals unternommenen Versuche verschiedener Zoos und Aufzuchtstationen, die Tiere mit Videos von sich paarenden Artgenossen zur Fortpflanzung zu animieren. Nach dem Menschen dürfte der Große Panda inzwischen die Spezies mit dem zweithöchsten Pro-Kopf-Konsum von Pornografie sein.

Auch der Klimawandel wirkt sich auf den Lebensraumbedarf der Tiere aus. Pandas sind eigentlich Bewohner der Subtropen, geraten aber in Hitzestress, wenn die Temperaturen über 25 Grad steigen. Dann weichen sie in höhere Gebirgslagen aus – vorausgesetzt, sie können. China betreibt den Schutz seines inoffiziellen Nationalsymbols zwar mit großem Aufwand. Die sukzessive Verschiebung der Vegetationszonen durch den Klimawandel könnte dem Netzwerk der jetzigen Pandaschutzgebiete aber den Boden unter den Füßen wegziehen, warnten die Forscher der Drexel University um Yuxiang Fei vergangene Woche im Fachmagazin "Scientific Reports".

Und schon droht den Unglücksbären das nächste Problem, berichtet ein anderes Team in der dieswöchigen Ausgabe des Magazins: In China sind einige Pandas einer mutierten Form des Caninen Staupevirus (CDV) zum Opfer gefallen. In der Hundehaltung ist das Staupe auslösende Virus seit langem bekannt. Es kann aber auch auf andere Raubtierarten und sogar Affen überspringen. Und es hat in den vergangenen Jahren Stämme von erhöhter Virulenz hervorgebracht, berichten chinesische Wissenschafter um Xianzhu Xia von der Akademie für militärmedizinische Wissenschaften in Changchun.

Impfkampagne empfohlen

Im Shanxi-Wildtierforschungszentrum erlagen 2014 bis 2015 fünf Pandas der neuen Staupeinfektion. Von den ersten Symptomen bis zum Tod verging dabei jeweils eine Woche bis ein Monat. Das Virus wurde nun anhand von Gewebe-, Kot- und Urinproben eingehend analysiert. Die Genomsequenzierung ermöglichte es, die vermutlich entscheidende Mutation eines Gens zu identifizieren. Wie der Erreger eingeschleppt wurde, blieb aber leider ungeklärt.

Immerhin gibt es einen Hoffnungsschimmer namens Zhuzhu: Auch dieser Panda hatte sich in Shanxi infiziert, zeigte jedoch keine Symptome. Zhuzhu war zuvor gegen die herkömmliche CDV-Variante geimpft worden. Das hatte offenbar nicht gegen eine Infektion mit dem neuen Virus geschützt, dieses aber wenigstens in seiner fatalen Wirkung weitestgehend eingeschränkt.

Da ein Teil der weltweit derzeit knapp 400 in Gefangenschaft gehaltenen Pandas ausgewildert werden soll, regen die Forscher eine Impfung aller Tiere an. Dann hätte die Spezies wenigstens mit einem Problem weniger zu ringen. (Jürgen Doppler, 17.6.2016)

  • Wir sind nicht die Einzigen, die Zimmertemperatur schätzen. Bei über 25 Grad Celsius werden Große Pandas unrund und suchen nach Wegen zur Abkühlung – ein Eispolster kommt da gerade recht.
    foto: mingxi li

    Wir sind nicht die Einzigen, die Zimmertemperatur schätzen. Bei über 25 Grad Celsius werden Große Pandas unrund und suchen nach Wegen zur Abkühlung – ein Eispolster kommt da gerade recht.

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