England bezwingt Wales im "Battle of Britain"

16. Juni 2016, 17:14
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Nach dem durch Sturridge in der Nachspielzeit fixierte 2:1-Erfolg ist der Achtelfinaleinzug der Engländer fast sicher – Bale schoss Wales in Führung

Lens – Nein, es wurde nicht zweimal dieselbe Hymne gespielt. Die Waliser, bitteschön, haben ihre eigene: Hen Wlad Fy Nhadau ("Altes Land meiner Väter") heißt sie und wird ausschließlich auf walisisch gesungen. Die Engländer griffen wie üblich auf das gesamtbritische God save the Queen zurück. Die Königin übrigens weilte nicht im Stade Bollaert-Delelis zu Lens, sondern zwecks royaler Pferderennen in Ascot.

Das walisische Team konnte wieder auf seinen Einsergoalie bauen. Wegen Rückenproblemen hatte Wayne Hennessey beim 2:1 gegen die Slowakei gefehlt. Die Engländer liefen in derselben Startbesetzung wie beim 1:1 gegen Russland aufs Feld. Also mit Harry Kane, mit Wayne Rooney, mit Raheem Sterling, aber ohne Torjäger Jamie Vardy vom Überraschungsmeister Leicester.

Erste Chance für England

Im 102. Duell der beiden britischen Teams bietet sich dem großen Bruder die erste Torchance. Sterling schießt nach Vorlage von Adam Lallana (7.) aus kurzer Distanz drüber.

10. Minute: Gary Cahill blockt einen Schuss von Gareth Bale. Der Superstar der Waliser wurde schon im Vorfeld der Partie auffällig. "Es ist wie jedes Derby, du willst niemals gegen den Feind verlieren. Ich denke, dass wir mehr Leidenschaft und Stolz haben", stichelte er.

Jack Wilshere, am Donnerstag nicht in der Startelf, antwortete: "Wir wissen, dass Wales uns nicht mag. Mögen wir sie? Nicht wirklich."

Britisch eben

Auf dem Platz geht es auch nicht wirklich liebevoll zu. Körperbetont – britisch eben. Torchancen ergeben sich gelegentlich. 26. Minute: Cahill verlängert einen Rooney-Freistoß per Kopf, Hennessey passt auf. Wenig später: Elfmeteralarm im walisischen Strafraum (32.). Ben Davies streckt die Hand im Sprung vom Körper weg, trifft den Ball, allerdings eher unabsichtlich. Der deutsche Schiedsrichter Felix Brych gibt folglich keinen Strafstoß für England.

36. Minute: Chris Smalling köpfelt nach einer Ecke knapp vorbei. Die Engländer haben in der rassigen und hektischen Partie spielerische Vorteile. Die Queen würde selbstverständlich keine Miene verziehen. Sie ist für alle Briten da. Gott schütze sie! Und Wayne Rooney! Die Fans besingen beide.

Aber Wales hat einen Fußballkönig. 42. Minute: Freistoß aus 35 Metern. Bale, selbstbewusst wie er ist, schießt direkt, trifft. Englands Schlussmann Joe Hart ist nur mit der Hand dran, mehr wäre möglich gewesen. Der kleine Bruder, der EM-Debütant, ist vorne. Entgegen dem Spielverlauf. Pause. Gesänge. Walisische.

Goldrichtige Wechsel

Englands Coach Roy Hodgson reagiert. Daniel Sturridge kommt für Sterling, Vardy für Kane. 55. Minute: Rooney prüft Hennessey. Eine Minute später der Ausgleich. Vardy trifft aus kurzer Distanz – eigentlich aus Abseitsposition. Aber das (unbeabsichtigte) Zuspiel kommt vom Waliser Ashley Williams. Also korrekt.

60. Minute: wieder Handspiel im walisischen Strafraum. Williams wird von Lallana angeschossen. Die Sache bleibt ungeahndet. Der 16er der Waliser wird immer wieder zur Versammlungszone, aber noch hält der Spielstand. Das Team von Trainer Chris Coleman kann froh sein, offensiv geht kaum etwas. Ein Bale allein reicht eben nicht. Nach 70 Minuten ist die Luft aus der Partie ein bissl draußen. 80. Minute: wieder einmal ein Torschuss. Der eingewechselte Jonathan Williams schießt aus der Ferne deutlich drüber.

90.: Cahill köpfelt drüber. Aber dann: Sturridge (92.) schießt England doch ins Glück. 2:1. Wenig später köpfelt Bale auf der anderen Seite vorbei. Es bleibt beim glücklichen, aber doch verdienten Sieg der Three Lions. England ist mit vier Punkten kaum am Achtelfinaleinzug zu hindern, trifft zum Abschluss auf die Slowakei. Wales bleibt bei drei Zählern, spielt noch gegen Russland. (rie, 16.6.2016)

Fußball-EM 2016, Gruppe B, 2. Runde:

England – Wales Endstand 2:1 (0:1).

Lens, Stade Bollaert-Delelis, 34.033 Zuschauer, SR Felix Brych (GER).

Tore:

0:1 (42.) Bale

1:1 (56.) Vardy

2:1 (92.) Sturridge

England: Hart – Walker, Cahill, Smalling, Rose – Alli, Dier, Rooney – Lallana (73. Rashford), Kane (46. Vardy), Sterling (46. Sturridge)

Wales: Hennessey – Gunter, Chester, A. Williams, Davies, Taylor – Ramsey, Allen, Ledley (67. Edwards) – Robson-Kanu (72. J. Williams), Bale

Gelbe Karten: Keine bzw. Davies

Stimmen:

  • Gareth Bale (Torschütze Wales): "Es ist natürlich enttäuschend. Ich bin sehr stolz auf jeden, wir haben alles gegeben. Wir haben 100 Prozent in das Spiel gelegt. Wir fühlen uns noch immer stark, wir sind noch immer gut drauf. Das Turnier ist noch nicht vorbei, im nächsten Spiel müssen wir noch besser spielen. Jedes Spiel ist wichtig. Wir werden weiterkämpfen, auch wenn es heute kein großartiges Resultat war."
  • Daniel Sturridge (2:1-Torschütze England): "Ein großes Gefühl, unglaublich. Es ist so schön sein Land zu repräsentieren und den Jungs zu helfen, das Spiel zu gewinnen."
  • Chris Coleman (Teamchef Wales): "Wie erwartet war es das schwierige Spiel, aber bei so einem Ende kann man nicht sagen, dass es verdient war. Diese Frage würde sich nicht stellen, wenn sie nicht in den letzten Sekunden getroffen hätten. Wir waren sehr entschlossen, aber manchmal braucht man auch ein bisschen Glück. Dieses Ende ist schwer zu verdauen. Die Gefahr ist, dass wir jetzt zu viel über dieses Spiel grübeln. Wenn man mir vor dem Turnier gesagt hätte, dass wir nach dem zweiten Spiel noch am Leben sind, hätte ich das genommen. Wir müssen versuchen, das zu vergessen."
  • Roy Hodgson (Teamchef England): "Wir haben uns die vier Punkte aus den zwei Matches verdient. Wir haben gedacht, wir können über den Ballbesitz zum Sieg kommen, aber die Waliser haben gut verteidigt und wir waren nicht in der Lage, unsere klaren Chancen zu verwerten. Ich habe nicht gezögert, Vardy einzuwechseln. Es hat großes Selbstbewusstsein im Moment. Beide Spieler (Vardy und Sturridge; Anm.), die zur Pause gekommen sind, haben dem Spiel eine andere Qualität gegeben. Wenn man andere Spieler auf dem Platz hat, bringt das die Verteidiger zum Zweifeln. Der Doppeltausch war meine beste Entscheidung bisher, aber es sind erst zwei Partien gespielt."
  • Jamie Vardy (1:1-Torschütze England): "Jeder möchte von Beginn an spielen, aber es ist ein Teamsport. Wir sind alle zusammen eine Einheit. Wenn man in der Früh aus dem Bett kommt, möchte man etwas Bedeutendes tun, und ich habe heute die Chance dazu gehabt. Wir haben gut gespielt. Die Botschaft (bei der Einwechslung; Anm.) war klar: Es war notwendig, dass wir so weiterspielen und darauf vertrauen, dass die Toren fallen werden. Das ist, was passiert ist. Wir wollen jedes Spiel so nehmen, wie es kommt."
  • Wayne Rooney (Kapitän England): "In der ersten Hälfte war es okay, aber wir hätten den Ball schneller laufen lassen müssen. Der Trainer hat ein paar wichtige Umstellungen vorgenommen und das hat sich bezahlt gemacht. Wir haben den Ball besser in den eigenen Reihen gehalten und am Ende das zweite Tor gemacht. Auch wir Spieler wissen, dass wir nicht nur die elf Leute sind, die auf dem Platz stehen. Wir haben eine gute Gruppe. Es ist ein angenehmes Gefühl, auf diese Art und Weise zu gewinnen. Wir sind jetzt fast weiter. Das ist ein großer Sieg, aber ein verdienter Sieg."
  • Sturridge brachte in der Nachspielzeit den erlösenden Treffer für England. Es war das erste Mal, dass England bei einem großen Turnier einen Rückstand drehen konnte.
    foto: reuters/hartmann

    Sturridge brachte in der Nachspielzeit den erlösenden Treffer für England. Es war das erste Mal, dass England bei einem großen Turnier einen Rückstand drehen konnte.

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