Morozov: "Medien leiden an Stockholm-Syndrom"

16. Juni 2016, 17:05
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Der digitale Vordenker Evgeny Morozov fordert eine politische Debatte über den Umgang mit Daten. Medien warnt er vor neuen Abhängigkeiten von Google und Facebook

Wien – Der Journalismus, wie er die vergangenen 200 bis 300 Jahre existiert hat, steht vor seinem Ende, sagt Evgeny Morozov. Der weißrussische Internetkritiker und Autor des Bestsellers Smarte neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen zeichnet ein recht düsteres Bild für die Zukunft der traditionellen Medien. Morozov hielt am Donnerstag die Keynote Speech beim GEN-Summit in Wien. Beim Kongress des Global Editors Network diskutieren Chefredakteure über Entwicklungen und Herausforderungen der Branche.

Medien und Stockholm-Syndrom

Medien werden weiter an Bedeutung verlieren und ihre Macht einbüßen, prognostiziert er. Verlegern und Journalisten wirft Morozov vor, sich zu wenig damit auseinanderzusetzen, wie die großen Technologieunternehmen wie Google und Facebook mit Daten umgehen. Auch in der Berichterstattung komme diese neue Machtkonzentration zu wenig vor. Anstatt die Gefahr des Datenmissbrauchs zu hinterfragen und immer wieder aufzuzeigen, arbeiten Verleger mit diesen Playern zusammen. Abhängigkeiten würden so entstehen. Medien würden hier am Stockholm-Syndrom leiden. Er warnt vor allem vor Facebook. Medien hätten dem sozialen Netzwerk den Rücken kehren und "davonlaufen" sollen. Jetzt sei es aber bereits zu spät dafür.

Politische Debatte gefordert

Morozov nimmt aber nicht nur die Medien in die Pflicht, er fordert vor allem auch eine politische Debatte über den Umgang mit Daten, im Blick hat er hier besonders Google. Die große Macht der neuen Player müsste endlich auf die Agenda der Regierungen. "Ich will nicht in einer Welt leben, in der alles profitgesteuert ist." Denn nur darum würde es diesen neuen Plattformen gehen. Bis auf wenige Ausnahmen hätten sie kein echtes Interesse an Journalismus, investigative Geschichten und kritische Berichte würden daher immer weniger vorkommen.

"Wir Verleger müssen dorthin gehen, wo die Leser sind", sagt Jan-Eric Peters, Chef der Nachrichten-App Upday und ehemaliger Welt-Chef. Und die seien nun mal auch auf den neuen Plattformen, vor allem auf Facebook, unterwegs. "Facebook ist die größte Zeitung aller Zeiten", sagte er. Man müsse die Realität akzeptieren und könne sich dem nicht verschließen.

Eine der wichtigsten Aufgaben von Medienmachern heute sei zu wissen, "wie kann ich wo welche Leute erreichen". Menschen seien nach wie vor an Nachrichten interessiert und sie würden vor allem Smartphones nützen, um an News zu kommen. Peters: "Die schlechte Nachricht dabei: Die meisten wollen nicht dafür bezahlen." Auch für CNN-Digitalchefin Meredith Artley ist es wichtig, auf vielen Plattformen vertreten zu sein. Neben Facebook setzt CNN auf Twitter, Instagram, Snapchat und Kik. Interessant für CNN seien auch die Streamingboxen von Amazon, Google und Apple. Die Umsätze, die CNN mittlerweile digital generiert, sind schon "sehr nahe" an den klassischen Broadcasting-Erlösen, sagte sie.

Relevanz von Videos

Artley setzt vor allem auf Videos, gerade im Storytelling. Sie müssten aber den jeweiligen Kanälen angepasst werden. "Verleger, die nicht mit Videos arbeiten, machen etwas falsch." Peters sieht Videos hingegen überschätzt. Für den Nachrichtenbereich seien Videos nicht optimal, sogar die Jungen würden bei News geschriebene Texte bevorzugen. Das Interesse an Videos sei geringer als bisher angenommen. Das ist auch ein Ergebnis des aktuellen Digital News Report des Reuters Institute, der am Donnerstag beim GEN-Summit detailliert präsentiert wurde.

Bessere Headlines gefordert

Marten Blankesteijn, Mitgründer von Blendle, plädiert für aussagekräftige Überschriften. Der digitale Zeitungskiosk verkauft einzelne Geschichten, die bei schlechten Überschriften natürlich weniger Leser interessieren. Und rät Verlegern und Journalisten deshalb: "Investiert Zeit in gute Überschriften." Blendle schlägt Lesern spezifisch ausgewählte Artikel vor. Personalisierung sei dabei freilich wichtig, einem Leser hunderte Artikel anzubieten sinnlos. Neben einer redaktionellen Auswahl kommt dabei auch ein Algorithmus zum Einsatz.

Anita Zielina, Digitalchefin der Neuen Zürcher Zeitung, ist skeptisch, was automatisierten Algorithmen anbelangt. "Egal wie großartig der Algorithmus sein mag, für uns wird er nie der einzige Faktor sein." Leser würden sich außerdem gern überraschen lassen.

Die Medienkonferenz GEN-Summit endet am Freitag und wird auch 2017 wieder in Wien stattfinden. (ae, 16.6.2016)

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    foto: gen / luiza puiu

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