Auktion: Görings Seidenunterhose kostet 500 Euro

17. Juni 2016, 09:31
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Die Versteigerung von 169 NS-Devotionalien sorgt für Proteste in München – Wirbel auch um Neuauflage von "Mein Kampf"

Ein Hänfling war Hermann Göring nicht. Der Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe hatte vielmehr einen ziemlichen Leibesumfang, dementsprechend groß dimensioniert war auch seine Unterwäsche. "Mächtige Unterhose aus feiner, leichter, heller Seide, der Bund mit dunkelblauen Vorstößen abgesetzt und dreimal geknöpft, eingesticktes blaues Monogramm H. G. Der Schritt nur einmal geknöpft. Bundweite 114 cm", so wird jenes Objekt beschrieben, das das Münchner Auktionshaus Hermann Historica am Samstag unter den Hammer bringen will.

500 Euro lautet das Mindestgebot für die Unterhose, die eines der merkwürdigsten Stücke der an skurrilen Objekten nicht gerade armen Versteigerung ist. Geboten werden zudem eine Uniformjacke, die angeblich von Hitler stammt (für 30.000 Euro), Socken des "Führers" (500 Euro), sein Hundesteuerbescheid (1.500 Euro), ebenso jene Hülse, in der Göring die Zyankalikapsel versteckte, mit der er sich 1945, vor seiner Hinrichtung, selbst umbrachte (25.000 Euro).

Objekte in Nürnberg gesammelt

Insgesamt sind es 169 Objekte, sie stammen aus der Sammlung des 2007 verstorbenen US-Mediziners John K. Lattimer. Dieser war als junger Arzt nach dem Krieg bei den Nürnberger Prozessen und betreute die Angeklagten medizinisch. Das, was er später alles in die USA schaffte, will seine Tochter nun loswerden.

Hermann Historica zählt weltweit zu den führenden Auktionshäusern für (militär)historische Objekte. In die braune Ecke will es sich durch die Versteigerung am Samstag nicht rücken lassen. Man sei sich der "verhängnisvollen deutschen Geschichte von 1933 bis 1945 völlig bewusst" und lehne neonazistische und nationalsozialistische Strömungen kategorisch ab, heißt es. Und: Die Objekte richten sich an Interessierte, die diese für wissenschaftliche Zwecke oder historisch-politische Bildung verwenden wollen.

Oberbürgermeister mahnt

Doch in München befürchtet man, dass vielmehr Ewiggestrige und Hitler-Verehrer anreisen. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) appelliert an das Auktionshaus, "die Auktion abzusagen und sich der Verantwortung, die eine Versteigerung derartiger Devotionalien mit sich bringt, bewusst zu werden". Kritik kommt auch von der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. "Die Auktion zeugt von einem sehr fragwürdigen Umgang mit unserer Geschichte. Das ist nicht nur geschmacklos, sondern auch gefährlich", sagt Präsidentin Charlotte Knobloch. Strafbar ist der Besitz von derlei Memorabilien allerdings nicht.

"Mein Kampf" im Nachdruck

Ins Visier der Staatsanwaltschaft ist hingegen der Leipziger Verlag Der Schelm geraten. Dieser will im Sommer Hitlers "Mein Kampf" publizieren, und zwar unkommentiert und "unverändert". Das ist aber verboten, auch wenn die Urheberrechte, die der Freistaat Bayern bis zum Jahresende 2015 gehalten hatte, ausgelaufen sind.

Erlaubt ist nach wie vor nur ein wissenschaftlich kommentierter Nachdruck, wie ihn das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München Anfang 2016 auf den Markt gebracht hatte. Das Werk mit seinen 3.700 Fußnoten stand monatelang in den Bestsellerlisten, anfangs wurden 4.000 Bücher gedruckt, verkauft wurden aber schließlich 80.000 Stück.

"Unsere Mission ist geglückt", sagte Historiker und Herausgeber Christian Hartmann zum STANDARD, "das große Interesse zeigt, dass wir mit der kritischen Edition eine wichtige wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Aufgabe erfüllt haben." (Birgit Baumann aus Berlin, 17.6.2016)

  • Bei den Nürnberger Prozessen wurden von einem US-Mediziner NS-Devotionalien gesammelt, nun werden sie in München versteigert.
    foto: ap

    Bei den Nürnberger Prozessen wurden von einem US-Mediziner NS-Devotionalien gesammelt, nun werden sie in München versteigert.

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