Marcel Kollers Hirn ist nicht unterbeschäftigt

16. Juni 2016, 16:35
540 Postings

Österreichs Fußballteam konzentriert sich voll auf Portugal. Martin Hinteregger und Alessandro Schöpf brauchen keinen Psychologen, freuen sich sehr auf CR7. Zlatko Junuzovic fällt aus

Ein weiterer, ausnahmsweise verregneter Tag in Mallemort. Die Kunde vom Ausfall des Zlatko Junuzovic hat die Stimmung nicht gerade erhellt, das Fußballerleben geht trotzdem weiter, zumal das 0:2 gegen Ungarn offiziell verarbeitet ist. Das Interesse gilt dem Spiel am Samstag in Paris gegen Portugal (21 Uhr, Liveticker auf derStandard.at). Junuzovic hat einen Teilabriss des Außenbandes im rechten Knöchel erlitten, Teamarzt Richard Eggenhofer hat die Hoffnung geäußert, dass Österreichs Zehner bis zu einem möglichen Achtelfinale geheilt ist. Ob es überhaupt ein Achtelfinale mit ÖFB-Beteiligung gibt, liegt nicht im Einflussbereich von Eggenhofer und Junuzovic. Der bekommt Eistherapien, Kompressionsverbände und spezielle Enzyme verabreicht, wird praktisch rund um die Uhr behandelt. Der Patient ist logischerweise geknickt ("bitter"), spricht den Kollegen Mut zu: "Ich glaube, wir schaffen das."

Der 22-jährige Alessandro Schöpf bietet sich als Ersatz an, er wird als "junger Junuzovic" gehandelt, obwohl das Original erst 28 ist. Der Vergleich ehrt Schöpf. Er lehnt Selbstlob strikt ab, in aller Bescheidenheit zeichne ihn aber schon Laufbereitschaft, Torgefährlichkeit, das Lesen von Spielsituationen aus. "Ich bewege mich gern zwischen den Ketten." Teamchef Marcel Koller könnte auch David Alaba auf die Junuzovic-Position stellen, der Freigeist würde dann weiter vorn agieren. Stefan Ilsanker würde im Mittelfeld neben Julian Baumgartlinger absichern. Schöpf: "Die Entscheidung kann ich nicht beeinflussen, ich wäre bereit."

Der Schalke-Legionär wurde gegen Ungarn eingewechselt, weiß also, wie und was eine EURO ist. "Diese Erfahrung war wichtig. Wir sind Profis genug, um das Negative wegzustecken." Der vielseitige Schöpf könnte auch eine Alternative zum formlosen Martin Harnik am rechten Flügel sein. Es ist sicher nicht so, dass Kollers Hirn unterbeschäftigt wäre. Martin Hinteregger bekommt zwangsläufig einen neuen Partner in der Innenverteidigung, Aleksandar Dragovic ist gesperrt. Sebastian Prödl drängt sich auf. Hintereggers Wettkampferfahrungen mit dem Watford-Legionär beschränken sich auf 33 gemeinsame Minuten. "Das reicht."

Anspiele verhindern

Der in Gladbach gescheiterte und im Eigentum von Red Bull Salzburg befindliche Hobbyjäger wird am Samstag intensive Bekanntschaft mit Cristiano Ronaldo schließen, der sein 128. Länderspiel bestreitet und somit zum portugiesischen Rekordler aufsteigt. Noch teilt er Platz eins mit dem ebenfalls legendären, mittlerweile pensionierten Luis Figo. Der Respekt vor CR7 ist selbstverständlich vorhanden, über dessen Klasse wollte sich Hinteregger nicht groß äußern, man kennt den Herrn ja aus dem Fernsehen. "Der Beste der Welt, wir müssen seine Schnelligkeit unterbinden. Wenn er den Ball annimmt und sich dreht, wird es schlimm. Er kann alles in wenigen Sekunden entscheiden." Das theoretische Rezept lautet: Anspiele auf Ronaldo verhindern.

foto: imago
Österreichs Bilanz gegen Portugal ist positiv. Am 21. November 1979 bezwang das Team um Robert Sara, Herbert Prohaska, Bruno Pezzey oder Willy Kreuz die Portugiesen in der EM-Qualifikation in Lissabon mit 2:1.

Schöpf und Hinteregger haben nach dem Desaster von Bordeaux keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen, Thomas Graw wurde von den beiden ignoriert. "Wir regeln das mit uns selbst." Der Stil der Portugiesen sollte den Österreichern entgegenkommen, sie legen selbst Wert auf Gestaltung und Ballbesitz, dadurch werden Räume frei. Geantwortet soll mit einer aggressiven, kompakten Mannschaftsleistung werden. Schöpf: "Nicht einer, alle müssen glänzen." Hinteregger. "Wir sind Manns genug, um uns zu steigern." Die Portugiesen vermochten beim 1:1 gegen Island nicht zu begeistern, überlegen sind sie allemal gewesen.

Am Donnerstagabend wurde in Mallemort trainiert, die Öffentlichkeit durfte 15 Minuten zuschauen, die halbe Aufwärmphase bescherte keine Aufschlüsse. Die Dehnübungen sind unfallfrei und antidepressiv verlaufen. Freitagmittag wird nach Paris geflogen, um 19.45 Uhr ist Koller im Prinzenpark zu einer Pressekonferenz gezwungen. Am Samstag um 21 Uhr erfolgt der Anpfiff. "Es ist das Spiel der vielleicht letzten Chance", sagt Alessandro Schöpf. Wir müssen und werden Junuzovic ersetzen." (Christian Hackl aus Mallemort, 16.6.2016)

  • Prödl für Dragovic? Schöpf für Junuzovic? Oder doch Alaba auf der Junuzovic-Position, Schöpf weiter vorn und Ilsanker als Absicherung neben Baumgartlinger? Das alles geht Marcel Koller durch den Kopf.
    foto: apa/afp/schwarz

    Prödl für Dragovic? Schöpf für Junuzovic? Oder doch Alaba auf der Junuzovic-Position, Schöpf weiter vorn und Ilsanker als Absicherung neben Baumgartlinger? Das alles geht Marcel Koller durch den Kopf.

  • Artikelbild
Share if you care.