Wie sich Geisteswissenschafter mit der Verwandtschaft von Affe und Mensch abmühten

18. Juni 2016, 12:00
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Die Philosophin Hanna Engelmeier präsentierte ihr Buch "Der Mensch, der Affe" in Wien

Wien – Ohne den Affen zu kennen, wird man nicht verstehen, was der Mensch ist, meint die deutsche Philosophin Hanna Engelmeier, die Mittwochabend ihr Buch "Der Mensch, der Affe" in Wien vorstellte. Darwins Evolutionstheorie konfrontierte die Anthropologen mit der Frage, inwieweit der eine vom anderen abstammt. Sich von dem nächsten Verwandten abzugrenzen, sollte für längere Zeit ihr Hauptziel werden.

Engelmeier, wissenschaftliche Koordinatorin der Forschungsgruppe "Medien und Mimesis" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Bochum, schildert und bespricht in ihrem Werk die aus heutiger Sicht oft bizarr erscheinenden Erklärungsversuche darüber, was den Mensch vom Affen trennt. Darunter sind auch die Auseinandersetzungen von Wissenschaftern, Philosophen und Künstlern mit diesen Verwandtschaftsfragen, darunter Johann Wolfgang von Goethe, Ritter Samuel Carl Soemmerring, Carl Vogt, Ernst Haeckel, Gabriel von Max, Friedrich Nietzsche und Gustav Klimt.

Entmenschlichungen

Sie zeigt, dass die Anthropologie, also die Wissenschaft vom Menschen, ihre Wurzeln im Vergleich von Menschen- und Affenhirnen hat. Immer wieder wird auch der Rassismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert deutlich, etwa wenn die Naturforscher eine Art magisches Dreieck zwischen Europäern, Afrikanern und Affen konstruierten und vor allem in Bezug auf die Sexualität fortwährend Affen, "Negerfrauen" und geistig behinderte Menschen (Betroffene von Mikrozephalie) als sehr ähnlich darstellten. Diese Menschen mit sehr kleinem Gehirnschädel wurden außerdem als mögliches Bindeglied vom Menschen zu Affen intensiv studiert.

Die Anthropologie jener Zeit wird somit als eine Wissenschaft entlarvt, die zumindest von 1850 bis 1900 im deutschsprachigen Raum – der Epoche, die Engelmeier in ihrem Buch behandelt – vor allem den Menschen vom Tier abgrenzen wollte, aber auch "vergleichend" das Vorhandensein möglichst unterschiedlicher "Menschenrassen" konstruierte.

"Gutes" und "schlechtes" Erbe

Engelmeier berichtet zudem über Menschen-kritische Phasen, in denen Gabriel von Max etwa Affen dem Menschen vorzieht, der seiner Meinung nach "sämtliche schlechten Eigenschaften aller existirenden [sic] Bestien" in sich vereint. Ähnlich auch Nietzsche, der erklärt, dass der Mensch "in höchst gefährlicher Weise den gesunden Thierverstand [sic] verloren hat".

Engelmeier führt auch an, dass Darwin selbst darauf hinwies, dass Affen genau so wie Menschen Vergnügen, Freude, Zuneigung, Zorn, Schrecken, Furcht, Trauer und Angst empfinden können, der Mensch von ihnen also "vorwiegend Gutes erbte".

Der beschwerliche Weg der Affen in der Menschenwelt

Weniger gut ist es den Menschenaffen ob ihrer Ähnlichkeit mit den Menschen gegangen, weil sie deshalb oft zu grausamen Versuchen herangezogen wurden. "Der Weg durch die Institutionen und an die Akademien hat den Affen kein Glück gebracht", schreibt Engelmeier.

In jüngster Zeit haben ihnen aber die nahen Verwandtschaftsverhältnisse und neue wissenschaftliche Erkenntnisse die Wandlung von "brauchbaren" in "fühlende" Lebewesen eingebracht, meint sie, was wiederum dazu führte, dass sie in vielen Ländern nicht mehr als Versuchsobjekte dienen dürfen und Menschenaffen vielleicht sogar bislang dem Menschen vorbehaltene Grundrechte zugesprochen bekommen. (APA, red, 18. 6. 2016)

  • "Der Mensch, der Affe. Anthropologie und Darwin-Rezeption in Deutschland 1850-1900" von Hanna Engelmeier, Böhlau Verlag, 373 Seiten, 47 Euro
    foto: böhlau

    "Der Mensch, der Affe. Anthropologie und Darwin-Rezeption in Deutschland 1850-1900" von Hanna Engelmeier, Böhlau Verlag, 373 Seiten, 47 Euro

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