Symphonischer Höhepunkt der Saison

16. Juni 2016, 16:17
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Die Wiener Symphoniker und der Virtuosenwahnsinn

Wien – Die Welt ist ein Ort der Rätsel, und Gerechtigkeit ist auch in Musiklanden nur eine launische Tochter des Zufalls. So spielten die Wiener Symphoniker unter Vladimir Jurowski eines ihrer packendsten Konzerte, und das Publikum im Musikverein quittierte es mit einem Allerweltsapplaus. Spätromantische Musik mit märchenhaft-mystischer Wasserthematik stand auf dem Programm. Und schon nach der intensiven Darstellung von Rachmaninows Toteninsel war klar, dass das Orchester mit diesem Dirigenten definitiv nicht baden gehen würde.

Jurowski, Chef des London Philharmonic Orchestra, war schlagtechnisch, in Sachen Emotionsdarstellung und der dynamischen Balance der Stimmgruppen von unfassbarer Präzision. Zudem band er – eine gewisse Strenge, eine leicht dämonische Wirkung ging von ihm aus – die Aufmerksamkeit der Musiker wie ein Magnet. Nach Rachmaninows düstrem symphonischem Gedicht stand Korngolds lichtes Violinkonzert an. Lenonidas Kavakos interpretierte die Melange von Filmmusiken virtuos und mit sattem Ton; an Arabella Steinbachers elegante, engelsgleiche Deutung von 2013 reichte er nicht heran.

Wie immer hatte man bei dem Griechen den Verdacht, dass da nicht er selbst spielt, sondern Sacha Baron Cohen, der einen großen Geigenvirtuosen darstellt. Kavakos' Zugabe (Francisco Tárrega: Recuerdos del Alhambra, Arr.) war aber göttlichster Virtuosenwahnsinn. Spätestens bei Zemlinskys klangprächtiger und zaubermächtiger symphonischer Dichtung Die Seejungfrau waren die Wiener Symphoniker zu einem Klangkollektiv verschmolzen, das den Zeichen ihres Leiters mit glühender, unbedingter Leidenschaft folgte. Irre. Standing Ovations von dieser Seite. (end, 16.6.2016)

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