Präventionsforscher: "Männer haben mehr und größere Vorurteile"

Interview16. Juni 2016, 16:56
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Identität bedingt Vorurteile, sagt Andreas Beelmann. Gegen radikale Gesinnung hilft, Kontakte zwischen den Gruppen herzustellen

Vorurteile brauchen Menschen, um mit der Vielfalt der sozialen Welt zurecht zu kommen, sagt der Sozialpsychologe Andreas Beelmann. Warum bei Männern negative Einstellungen eher zu Gewalt führen und wann Vorurteile eine Bedrohung darstellen, erklärt der Präventionsforscher im Gespräch mit Marie-Theres Egyed und Peter Mayr.

STANDARD: Bei der Fußball-EM kommt es ständig zu Krawallen zwischen radikalen Fangruppen. Wieso entsteht so viel Aggression?

Beelmann: Bei der Fußball-EM kann man soziale Gruppenprozesse gut beobachten. Sobald jemand anfängt, Trikots seines Teams zu tragen, findet Identitätsbildung statt: Man gehört dazu – und andere eben nicht. Dadurch entstehen fast zwingend Vorurteile gegenüber der fremden Gruppe. Bei manchen zieht es Gewalt nach sich, wie bei Hooligans. Grundsätzlich gilt: Männer haben mehr und größere Vorurteile. Bei ihnen werden negative Einstellungen schneller verhaltenswirksam, münden also rascher in Gewalt. Dieser Geschlechterunterschied ist in der Jugend besonders stark, nimmt dann aber ab.

STANDARD: Warum ist das so?

Beelmann: Mädchen haben meist eine andere intellektuelle und soziale Entwicklung, die sie davor schützt, in Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen. Diese Unterschiede gibt es auch bei Gewaltstraftaten. Hier sind etwa zehnmal so viele Männer involviert. Da spielen auch hormonelle und genetische Prozesse eine Rolle.

STANDARD: Russische Fans sind brutal, Italiener machen großes Theater, und Deutsche sind humorlos: Wie entstehen Vorurteile?

Beelmann: Vorurteile entstehen einerseits, weil wir Menschen in soziale Gruppen aufteilen. Das brauchen wir, um mit der Vielfalt der sozialen Welt zurechtzukommen. Sonst müssten wir jede soziale Interaktion mit anderen Menschen quasi bei null beginnen. Außerdem knüpfen wir unsere Identität und unseren Selbstwert an diese sozialen Kategorien. Meine Gruppen bewerte ich dann besser als jene, zu denen ich mich nicht zugehörig fühle.

STANDARD: Übernehmen Kinder einfach die Vorurteile ihrer Eltern?

Beelmann: Eltern spielen eine wichtige Rolle, weil sie soziale Kategorien, Identitäten und Zugehörigkeiten vorgeben. Vorurteile von Kindern und Jugendlichen werden aber auch durch Gleichaltrige oder über soziale Netzwerke beeinflusst.

STANDARD: Haben Kleinkinder bereits Vorurteile?

Beelmann: Kleinkinder fangen früh an, sozial zu kategorisieren. Die Unterscheidung zwischen Mädchen und Jungen ist meistens die erste Kategorisierung. Das setzt sich fort, heißt aber nicht, dass es in dem Alter schon massive Vorurteile gibt. Aber: Wenn dort schon kleine Bewertungsunterschiede bestehen, die im Laufe der Entwicklung größer werden, kann das ein kritischer Faktor sein, der auch im Jugendalter zu extremistischen Einstellungen führt.

STANDARD: Ein Blick in soziale Medien genügt: Wann werden Vorurteile zur Bedrohung?

Beelmann: Massive und extremistische Vorurteile spielen bei Radikalisierung eine große Rolle. Auch die Frage, welche Konflikte es in der Gesellschaft gibt: zwischen Arm und Reich, zwischen Flüchtlingen und der Bevölkerung. Wichtig sind zudem soziale Faktoren: die eigene Umgebung, ob ich Kontakt zu anderen sozialen Gruppen und Ethnien habe – auch, ob ich mich in andere hineindenken kann. Im Kern von Radikalisierungsprozessen spielen sich jedoch Identitätsprobleme und -krisen ab. Die Abwertung anderer hat immer mit der Aufwertung der eigenen Person zu tun.

STANDARD: Gibt es dann weniger Ängste in Bezirken oder an Schulen mit hohem Migrantenanteil?

Beelmann: In Deutschland, wie in Österreich, haben wir eine Verteilung von rechtsextremistischem Gedankengut und Vorurteilen gegenüber anderen Ethnien vorwiegend dort, wo keine oder wenige Ausländer wohnen. In Schulen oder Einrichtungen an sozialen Brennpunkten gibt es zwar Konflikte zwischen Ethnien. Der eigentliche Konflikt ist dort aber einer, der durch soziale Ungleichheit zustande kommt.

STANDARD: Warum kann man mit Ängsten so gut Politik machen?

Beelmann: Menschen suchen nach einfachen Identitätskonzepten. Wenn ich mich nur als Mann definiere oder nur als Deutscher, ist das nicht sehr anspruchsvoll. Wird diese Kategorie abgewertet, wird meine persönliche Identität angegriffen – wird sie aufgewertet, werde ich das automatisch auch. Es ist einfach, damit in der Bevölkerung anzukommen.

STANDARD: Wie gegensteuern?

Beelmann: Durch Bildung, aber nicht nur durch klassische Bildung in der Schule, sondern durch soziale Bildung und Persönlichkeitsentwicklung. Das ist in den Hintergrund geraten und führt dazu, dass Menschen für einfache Konstruktionen und Abwertungen anfälliger werden.

STANDARD: Was tun, wenn die Vorurteile sich verfestigt haben?

Beelmann: Ein Universalmittel ist, Kontakte zwischen den sozialen Gruppen herzustellen, etwa zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. Das führt immer dazu, dass Vorurteile abnehmen – auf beiden Seiten übrigens. Die Voraussetzungen müssen stimmen. Das darf nicht in einer Wettbewerbssituation oder unter Konfliktbedingungen stattfinden, sonst geht der Schuss nach hinten los.

STANDARD: Daraus folgt, dass Flüchtlinge am besten allerorts verteilt werden sollten.

Beelmann: Das wäre sinnvoll. Man muss dafür sorgen, dass vertrauensvolle Kontakte entstehen, und Flüchtlinge nicht bloß verschicken, wie das derzeit oft passiert.

STANDARD: Viele Gemeinden wollen keine Flüchtlinge aufnehmen.

Beelmann: Es gibt bei uns wie auch in Österreich große populistische Bewegungen, die zwar immer sagen, mit Rassismus nichts zu tun zu haben, aber doch im Wesentlichen dazu beitragen, dass solche rechtsextremistischen Strömungen im Aufwind sind. Ich halte das für eine kritische Entwicklung, und sie hat einen Aufhänger mit der Flüchtlingskrise. Aber die Einstellung gab es schon davor. Jetzt wird sie nur stark und selbstbewusst nach außen getragen.

STANDARD: Was immer sehr stark mitschwingt, ist die Angst vor Terror und "Jihadismus". Gleichzeitig gibt es viele Übergriffe auf Flüchtlinge, Heime brennen. Schaut man zu sehr nur auf ein Problemfeld?

Beelmann: Das soll man nicht gegeneinander ausspielen. Was stimmt: In Deutschland werden vom Jihadismus weniger Menschen bedroht als durch Rechtsextremismus. Insofern ist es das dringlichere Problem. Es gibt natürlich eine islamistische Gefahr, wie vergangene Terroranschläge zeigen.

STANDARD: Haben sich die Vorurteile verselbstständigt, und ist die Akzeptanz größer geworden?

Beelmann: Das passiert zwangsläufig. Wenn viele Leute immer die gleichen Vorurteile bekunden, dann werden sie alltäglicher. Je mehr diese etwa über soziale Medien verbreitet werden, desto "normaler" wird es.

STANDARD: Aber ist es nicht so, dass selbst ein Widerlegen eines Vorurteils rasch einfach abgetan wird?

Beelmann: Politische Aufklärungsarbeit und soziales Engagement waren schon immer schwierig. Deswegen findet man häufig auch Personen, die sich einfach raushalten wollen. Das kommt aber eher den Extremisten zugute. (Marie-Theres Egyed, Peter Mayr, 16.6.2016)

Andreas Beelmann (Jahrgang 1962) ist Professor für Forschungssynthese und Intervention an der Universität Jena und Direktor des Kompetenzzentrums Rechtsextremismus.
  • "Sobald jemand anfängt, Trikots zu tragen, findet eine Identitätsbildung statt: Man gehört dazu – und andere eben nicht", sagt der Psychologe Andreas Beelmann. Bei Männern mündet das rasch in Gewalt.
    foto: apa/afp/leon neal

    "Sobald jemand anfängt, Trikots zu tragen, findet eine Identitätsbildung statt: Man gehört dazu – und andere eben nicht", sagt der Psychologe Andreas Beelmann. Bei Männern mündet das rasch in Gewalt.

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