Wettlauf mit Raubgräbern am Westufer des Toten Meers

16. Juni 2016, 11:59
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Die israelische Altertumsbehörde führt derzeit Notgrabungen im Wadi Nachal Ze’elim
durch, um Plünderungen zuvorzukommen

Jerusalem – Es ist ein ungewöhnlicher Wettlauf am Westufer des Toten Meeres: Israelische Archäologen versuchen, Raubgräbern zuvorzukommen, die ihre Beute der Öffentlichkeit entziehen und durch die Plünderungen Fundstätten zerstören. Doch manchmal, wie in der "Höhle der Schädel", lassen sich nur noch die Hinterlassenschaften der illegalen Gräber sichern.

Schwerpunkt der Notgrabungen ist derzeit der ausgetrocknete Flusslauf Nachal Ze'elim, auf Arabisch Wadi Seijal genannt. Ende 2014 wurden sechs Personen aus dem benachbarten Westjordanland dabei ertappt, wie sie einen Kamm aus der Römerzeit und eine 8000 Jahre alte Pfeilspitze aus einer dort gelegenen Schädel-Grotte holten, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verscherbeln.

Systematische Suche

Nun wurde die weitläufige Kalksteinhöhle systematisch durchsiebt. Unter der Anleitung von einer kleinen Archäologengruppe waren auch Hunderte Freiwillige beteiligt. Schwindelfrei mussten sie sein, denn von der Kante der Klippe geht es an Seilen gesichert zunächst 80 Meter abwärts zum Höhleneingang. Dieser liegt weitere 250 Meter über der Schluchtsohle.

Schon 1960 hatten zwei Expeditionen in den Höhlen dieses Canyons zahlreiche Funde geborgen, die teils aus der Kupfersteinzeit, insbesondere aber aus dem Bar-Kochba-Aufstand stammten, der letzten vergeblichen Revolte der Juden gegen die römische Besatzung im zweiten Jahrhundert.

Alte Zeugnisse

Wegen der Nähe zur Bergfestung Masada, der Hochburg der Aufständischen, waren diese Höhlen Fluchtstätten von Juden, bevor sie ins Exil vertrieben wurden. Rund 50 Kilometer weiter nördlich liegen die Höhlen von Qumran, wo in den 1950er-Jahren die biblischen Schriftrollen vom Toten Meer gefunden wurden.

Vor allem die Vermutung, es könnten während des Bar-Kochba-Aufstands auch im Nachal Ze'elim älteste schriftliche Zeugnisse der jüdischen Kultur versteckt worden sein, veranlasste die israelische Altertumsbehörde, einen Notgrabungsplan zu entwerfen. Denn 2009 hatten als Käufer getarnte Ermittler auf dem Schwarzmarkt ein Papyrusstück sichergestellt, das für zwei Millionen Dollar angeboten wurde. Es enthält einen auf Althebräisch verfassten Vertrag aus der Bar-Kochba-Periode. Die Anbieter gaben an, das Schriftstück stamme aus einer Höhle in der Ze'elim-Schlucht. (APA, AFP, M. Smith, 16. 6. 2016)

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