Wo die Pest heute noch wütet

16. Juni 2016, 12:20
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Vor allem Madagaskar hat mit der Pest zu kämpfen – eine Verbreitung des Erregers in Europa halten Experten für extrem unwahrscheinlich

Antananarivo – Madagaskar ist derzeit das am schlimmsten von der Pest betroffene Land. Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge sind seit dem Jahr 2010 knapp 500 Menschen an der Seuche gestorben. Im Kongo gab es im selben Zeitraum 67 Todesfälle, gefolgt von Uganda (12), Tansania und Peru (je 7). Im Kongo, jahrzehntelang am stärksten betroffen, wird die Dunkelziffer nicht gemeldeter Erkrankungen als sehr hoch eingeschätzt.

In ländlichen Gebieten der USA treten immer wieder vereinzelte Pest-Fälle auf, darunter in New Mexico, Arizona, Colorado und Kalifornien. Dort zählten die Behörden seit 2010 fünf Pest-Tote. In den USA sind die Wirtstiere der Flöhe, die die Krankheit oft übertragen, nicht in erster Linie Ratten, sondern Präriehunde und Katzen.

Vereinzelte Pest-Fälle gibt es auch etwa in China, Russland, der Mongolei, Bolivien und bis vor wenigen Jahren in Indien. Selbst in Ländern, aus denen lange keine Ausbrüche gemeldet wurden, kann die Seuche erneut auftreten, wie etwa 2004 in Algerien. "Die Pest ist eine seltsame Krankheit. Es werden jahrzehntelang keine Erkrankungen beobachtet, und dann kommt die Pest wieder zurück", erläutert Eric Bertherat, Pest-Spezialist der WHO in Genf.

Ausbruch in Europa extrem unwahrscheinlich

Seit gut 120 Jahren ist der Pesterreger bekannt, der nach seinem Entdecker Alexandre Yersin benannt wurde. Der Forscher, geboren in der französischen Schweiz, machte das Bakterium Yersinia pestis 1894 als Ursache der Erkrankung aus. Auch zwei weitere Wissenschafter isolierten den Erreger in diesem Jahr.

Ein Ausbruch der Pest in Europa ist heute extrem unwahrscheinlich. Theoretisch könnten mit dem Bakterium Yersinia pestis infizierte Ratten und Flöhe etwa auf Frachtschiffen auf den alten Kontinent gelangen. Doch selbst für den kaum zu erwartenden Fall, dass es dadurch zu einzelnen Beulenpest-Fällen oder Lungenpest-Erkrankungen käme, wäre die Gefahr gering, erläutert Eric Bertherat.

"Mit unserem funktionierenden Gesundheitssystem und Krankenhäusern wäre ein Pest-Ausbruch schnell unter Kontrolle." Die letzte bekannte Pest-Erkrankung in Europa habe es gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im süditalienischen Neapel gegeben.

Restrisiko

Eine Einschleppung der Pest aus Madagaskar durch rückkehrende Touristen ist ebenfalls sehr unwahrscheinlich. Die bei Urlaubern beliebten Gebiete des Landes – etwa die Inseln und Strände im Norden – sind pestfrei. Die von der Pest stärker betroffenen ländlichen Gebiete im Hochland ziehen kaum oder keine Urlauber an.

Ein gewisses Risiko bestünde, wenn es in der Hauptstadt Antananarivo zu einer großen Lungenpest-Epidemie käme. Die gefährlichste Variante der Erkrankung ist in Madagaskar aber sehr selten. Ein Patient, bei dem der Erreger in der Lunge sitzt, kann die Seuche via Tröpfcheninfektion schnell ausbreiten, etwa wie das Grippe-Virus. Bei einer Lungenpest-Epidemie würden jedoch vermutlich die meisten internationalen Flüge gestrichen. Reisende würden strengen Kontrollen unterzogen, vergleichbar mit den Maßnahmen zur Hochzeit der Ebola-Epidemie in Westafrika. (APA, dpa, 16.6.2016)

  • Die "schwarze Tod" war auch in der Kunst ein häufiges Thema: Hier ein Pestausbruch in Marseille im Jahr 1720.
    foto: wikipedia/gemeinfrei

    Die "schwarze Tod" war auch in der Kunst ein häufiges Thema: Hier ein Pestausbruch in Marseille im Jahr 1720.

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