Identitären-Demo: Ermittlungen wegen Mordversuchs

16. Juni 2016, 18:14
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Verfassungsschutz fahndet nach Person, die einen Stein vom Dach eines Hauses warf und 17-Jährigen schwer verletzte

Wien – Nach den Ausschreitungen bei der Demonstration gegen den Aufmarsch der rechtsgerichteten Identitären ermittelt der Verfassungsschutz nun wegen Mordversuches. Gesucht wird die Person, die vom Dach eines dreistöckigen Hauses einen faustgroßen Stein in die Menge der Identitären geworfen und einen 17-jährigen Deutschen schwer verletzt hat. Der junge Mann ist auf dem Weg der Besserung, er konnte nach Auskunft des Krankenhauses inzwischen von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt werden.

Konkret soll sich der Vorfall am vergangenen Samstag gegen 15.30 Uhr an der Ecke Goldschlagstraße/Neubaugürtel zugetragen haben. Linke Demonstranten, zum Teil vermummt, blockierten den rechten Marsch, dazwischen nur noch Polizisten in Schutzbekleidung. Gegenstände flogen durch die Luft, zumindest zwei davon kamen vom Dach des Hauses, unter dem die Situation eskalierte: ein Stein und weißer Kübel. Es gibt Zeugen, die auf dem Dach zumindest eine Person gesehen haben. Die Angaben werden streng vertraulich behandelt, nähere Angaben zu den Zeugen könne man nicht machen, hieß es am Donnerstag auf STANDARD -Anfrage.

Dachbodentür aufgebrochen

Der bisher rekonstruierte Tathergang: Eine Person, vielleicht auch mehrere, müssen sich über ein Baustellenareal Zugang zu dem Mehrparteienhaus in der Goldschlagstraße 2 verschafft haben. Dort wurde jedenfalls eine Tür zum Dachboden aufgebrochen. Fotos der Tatortgruppe zeigen eine offene Dachluke. Bei dem geworfenen Stein dürfe es sich um ein Stück aus der Betondecke handeln. Außerdem liegen genau unter der Dachfenster noch weitere Gegenstände wie Eisenstangen und ein weiterer Kübel. Die Vermutung, dass es sich um weitere vorbereitete Wurfgeschoße handelt, liegt nahe.

Auf dem Baustellenareal befindet sich auch ein Kran, auf dem Unbekannte ein großes Transparent mit der Aufschrift "Nationalismus raus aus den Köpfen" angebracht hatten. Ein ähnliches Plakat wurde auch auf dem Wiener Stadthallenbad aufgehängt.

Ersuchen um Fotos und Filme

Ob der oder die Steinwerfer und die illegalen Kletterer in Verbindung stehen, war zunächst noch unklar. Die Polizei bittet jedenfalls um Hinweise, auch um private Fotos und Videos von der eskalierten Kundgebung, die später zu dem umstrittenen, massiven Pfeffersprayeinsatz der Exekutive geführt hatte.

Wie berichtet, hatte die Polizei zwar keine Bodycams im Einsatz, aber es gibt viel Filmmaterial von den polizeilichen Beweissicherungsteams. Auch der eingesetzte Hubschrauber lieferte Aufnahmen. Die Auswertung werde wohl Wochen dauern, sagte ein Polizeisprecher, danach seien weitere Anzeigen wahrscheinlich.

Im Verlauf der Kundgebungen gab es sieben Festnahmen sowie eine Anzeige nach dem Verbotsgesetz. 13 Menschen, davon vier Polizisten, wurden verletzt. Die meisten Verletzungen waren Folge des Pfeffersprayeinsatzes, die gleich vor Ort behandelt wurden.

Nächster Großeinsatz am Samstag

Den nächsten Großeinsatz hat die Polizei am Samstag: Mehr als 100.000 Menschen werden zur Regenbogenparade strömen, die auch ein Solifest für die 49 Opfer des Anschlags auf einen Homosexuellenclub in Orlando sein wird. Zum Kontrastprogramm "Marsch für Jesus" werden 15.000 Teilnehmer erwartet. Zwei weitere Märsche, einer für die Familie, einer für Frauenrechte, sind für je 1000 Personen angemeldet. Und dazu noch tausende Fußballfans, die in der Fanzone Österreich gegen Portugal anfeuern werden. Autofahrer sollten Samstag einen großen Bogen um die City machen. (simo, 16.6.2016)

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    foto: apa/pfarrhofer
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