Beliebte Nachrichten, Social Media im Aufwind

Kommentar der anderen15. Juni 2016, 18:32
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Die aktuellen Daten des Digital News Report weisen nach, wie unterschiedlich die Nachrichtennutzung in Österreich verläuft. Fernsehen und Zeitung stehen dabei keineswegs im Abseits – jedenfalls noch nicht. Notizen zum Global-Editors-Network-Kongress in Wien

Wenn im jüngsten Bundespräsidentenwahlkampf die Emotionen hochgingen, dann waren häufig Social Media beteiligt. Facebook spielt als Kampfarena auch im Wahlkampf um das Weiße Haus in Washington eine zentrale Rolle. Die klassischen Medien nutzen Facebook, Twitter und Youtube als billige und leicht erschließbare Quelle und zugleich als Verteilungsnetz für ihre Inhalte. Für Journalisten sind sie genauso unverzichtbar wie für uns alle als Lifeline zu Freunden, im Beruf und für Breaking News. Social Media betreiben atemberaubende PR in eigener Sache: aktuell, persönlich, jederzeit einsatzbereit, multimedial.

Das Reuters Institute for the Study of Journalism in Oxford befragt seit 2012 Menschen über ihren Nachrichtenkonsum. Durchaus mit der Absicht, den Wandel von den analogen zu den digitalen Angeboten nicht nur zu dokumentieren, sondern mit Fakten auch voranzutreiben. Jedes Jahr nehmen mehr Länder an den Befragungen teil, die gleichzeitig und mit denselben Fragen durchgeführt werden. Österreich ist 2016 zum zweiten Mal mit dabei. Im Februar hat das Reuters Institut in Kooperation mit dem Fachbereich Kommunikationswissenschaft an der Uni Salzburg 2000 Österreicher nach ihrem Nachrichtenkonsum befragt.

Die Ergebnisse sind ambivalent. Auf der einen Seite dämpfen sie die Social-Media-Euphorie. Fernsehen und die auf Papier gedruckte Presse sind weiterhin die beliebtesten Medien, wenn es um Nachrichten geht. Auf der anderen Seite erhärten die Ergebnisse die Vermutung, wonach die Zeit der klassischen Medien abläuft. Jüngere Menschen verweigern sich zwar weder dem Fernsehen noch der Zeitungslektüre, aber sie bevorzugen den Informationsweg über Social Media, allen voran Facebook und Youtube.

Die Analyse des aktuellen Datensatzes ergibt folgendes Bild:

Über alle Altersgruppen hinweg sind die Menschen in Österreich an Nachrichten generell stark interessiert. 87,7 Prozent der Befragten beschäftigen sich mehrmals täglich mit den aktuellen Nachrichten, wobei für 74,3 Prozent die Nachrichten aus Stadt oder Region das größte Interesse hervorrufen, gefolgt von internationalen News (66,0 Prozent) und Nachrichten über Politik (50,8 Prozent). Auf deutlich weniger Interesse stoßen Lifestyle- und Mode-News, für die sich nur 38,1 Prozent stark oder sehr stark interessieren.

Wer sich nun informieren möchte, dem steht eine wachsende Anzahl an Möglichkeiten und Kanälen zur Verfügung. Das Medium der ersten Wahl ist für 75,6 Prozent der Menschen das Fernsehen, gefolgt von der auf Papier gedruckten Presse (67,4 Prozent). Erst auf Platz drei der "letzte Woche" genutzten Medien stehen die Online-Medien (54,6 Prozent), dahinter rangieren Blogs und Social Media (49,3 Prozent). Bei dieser Frage geht allerdings ein Generationenbruch durch die österreichische Gesellschaft. Unter den 18-24-Jährigen haben 79,6 Prozent in der vorangegangenen Woche Blogs oder Social Media zur Nachrichtenbeschaffung genutzt, das Fernsehen nur 61,5 Prozent. Interessant ist aber der Befund, laut dem auch in dieser Altersgruppe mehr als die Hälfte (52,5 Prozent) der Befragten gedruckte Informationen genutzt haben.

Hauptnachrichtenquellen

Gefragt nach ihrer Hauptnachrichtenquelle, wird der Generationenbruch noch deutlicher. In der Gesamtbevölkerung liegt hier das Fernsehen (34,7 Prozent) vor den Online-Medien (30,8 Prozent) und den gedruckten Medien (23,3 Prozent). Blogs und Social Media sind nur für zehn Prozent der Menschen die Hauptnachrichtenquelle. Ganz anders bei den 18-24-Jährigen. Dort stehen die Online-Medien mit deutlichem Abstand an erster Stelle. Für 59,1 Prozent der Jungen sind Online-Medien die wichtigste Nachrichtenquelle. Auch Blogs und Social Media sind noch deutlich beliebter (31,6) als das Fernsehen (20,8) und die Printmedien, die nur für 12,4 Prozent der Jungen die wichtigste Informationsquelle darstellen.

In der Gruppe der Social Media sind Facebook und Youtube wenig überraschend mit Abstand am beliebtesten. Auf die Frage, welche Angebote die Befragten in der Vorwoche zu irgendeinem Zweck verwendet haben, gaben 80,2 Prozent der 18-24-Jährigen und 61,9 Prozent aller Befragten Facebook an. Youtube ist bei den Jungen mit 82,6 Prozent sogar noch populärer. Beides ist auch für die Nachrichtennutzung beliebt. 54,7 Prozent der 18-24-Jährigen nutzen Facebook regelmäßig, um Nachrichten zu finden, zu lesen und zu teilen. Von 23,2 und 18,4 Prozent dieser Altersgruppe werden auch Youtube und Whatsapp regelmäßig zur Nachrichtennutzung eingesetzt. Twitter hingegen spielt eine deutlich geringere Rolle. Nur 4,7 Prozent der gesamten Bevölkerung nutzen diesen Kanal, unter den Jungen immerhin 11,7 Prozent. Nicht zu übersehen ist aber die Gruppe der Nichtnutzer von Social Media in der Gesamtbevölkerung: 41,6 Prozent verzichten ganz auf Social Media bei der Nachrichtennutzung, bei den Jungen sind dies 20 Prozent.

Aus der Sicht von Medienunternehmen, die ihre Inhalte nicht nur an die Werbewirtschaft, sondern auch an User verkaufen möchten, hält der Digital News Report keine guten Botschaften bereit. Während 56 Prozent der Österreicher in der "letzten Woche" für ein Printprodukt bezahlt haben (Abonnement, Trafik/Kiosk), trifft dies lediglich auf sieben Prozent bei Online-Nachrichten im vorangegangenen Jahr zu. Kleiner Lichtblick: Immerhin zwölf Prozent der Jungen haben für die Nutzung von Nachrichten im Internet bezahlt.

Im internationalen Vergleich liegt Österreich etwa im Mittelfeld, wenn es um den Einsatz von Social Media als Nachrichtenquelle geht. Der Trend allerdings ist eindeutig: Die jüngere Generation ist in erster Linie über den individuellen elektronischen Bildschirm auf Mobiltelefon oder Laptop mit Nachrichten zu erreichen. Medienunternehmen und der Medienpolitik bleibt noch etwas Zeit, ihre Ausrichtung diesem Trend anzupassen. Dieses Zeitfenster gilt es zu nutzen. (Josef Trappel, Sergio Sparviero, Stefan Gadringer, 15.6.2016)

Josef Trappel, ist Leiter, Sergio Sparviero und Stefan Gadringer, sind wissenschaftliche Mitarbeiter des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg.

Zum Thema

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Der Digital News Report als Download

Hinweis

David Levy, Direktor der Reuters Institute, und Studienautor Nic Newman stellen die Ergebnisse des Digital News Report am Donnerstag beim GEN-Summit in Wien vor.

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