Österreichs Kicker haben keine Zeit zur Selbstzerfleischung

15. Juni 2016, 17:36
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Das Nationalteam verarbeitet das 0:2 gegen Ungarn. Zlatko Junuzovic wird gegen Portugal mit einem Teilriss des Außenbandes im Knöchel schmerzlich fehlen. Der Optimismus kennt trotzdem keine Alternative

Mallemort – Der Tag danach in Mallemort. Wunden lecken, Tränen trocknen, miteinander sprechen, abhaken, vorausblicken. Aufstehen, sich auf den Samstag, auf das Spiel in Paris gegen Portugal (21 Uhr, Liveticker auf derStandard.at), freuen. Sich vor Portugal schrecken geht gar nicht, den Offenbarungseid ablegen ist für Österreichs Fußballnationalteam ein Tabu. Und Island kommt erst nach Portugal. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, von Spiel zu Spiel zu denken.

Der ÖFB hat ein ebenso großes wie prominentes Personalpaket aufgeboten, vielleicht aus schlechtem Gewissen. Denn die Mixed-Zone am Vortag im Stade de Bordeaux war ein inhaltlicher Jammer. Zudem scheiterten Marko Arnautovic und Aleksandar Dragovic lange an der Abgabe der Dopingprobe. Verständlich, nach einem 0:2 gegen Ungarn hat man andere Sorgen. Der Rückflug war folglich verspätet und turbulent, der Flieger ist gegen ein Uhr früh trotzdem sicher in Avignon gelandet. Das war das Positivste an einer missglückten Dienstreise.

Befürchtung bestätigt

Teamchef Marcel Koller führte Mittwochmittag die Delegation an, neben ihm saßen Kapitän Christian Fuchs und Teamarzt Richard Eggenhofer. Der sollte noch am späten Abend über die Verletzung von Zlatko Junuzovic Auskunft geben. Wie eine Magnetresonanz-Untersuchung in Marseille ergab, erlitt der Mittelfeldspieler gegen Ungarn einen Teilriss des Außenbandes im rechten Knöchel.

Ein Einsatz im letzten Gruppenspiel am 22. Juni in St. Denis gegen Island ist äußert fraglich. "Mit ein wenig Glück bekommen wir ihn für ein mögliches Achtelfinale fit, im Idealfall ein bisschen früher", sagte Eggenhofer am Mittwochabend in einer ÖFB-Aussendung.

Koller hat sich die Partie gegen Ungarn ein zweites Mal angeschaut, das Resümee deckte sich mit jenem unmittelbar nach der Liveveranstaltung. "Zu viele Abspielfehler, keine Präzision. Die Ungarn waren leidenschaftlich, haben das sehr gut gemacht." Möglicherweise sei es ihm, Koller, nicht gelungen, der Mannschaft die Nervosität zu nehmen. "Das geht auf meine Kappe. Aber wir hatten sechs, sieben große Chancen. Die Ungarn haben von vieren zwei genützt, es kommt immer auf die Effizienz an."

Fuchs hatte von Anpfiff an das Gefühl, "dass das Pech an unseren Schuhen klebt. Ich will mich vor die Mannschaft stellen, sie hat alles probiert." Gelungen ist ihr halt wenig. Julian Baumgartlinger, praktisch der Einzige, der seine Normalform erreichte, drückte es später so aus: "Wir sind in der Realität angekommen." Dieser Satz lässt Interpretationsmöglichkeiten zu, Baumgartlinger schaffte Klarheit: "Wir sind jetzt bei der EURO, müssen nun das Beste rausholen." Die Nervosität dürfe nicht als Alibi gelten. "Ungarn hätte noch nervöser sein müssen. Sie haben ihre Möglichkeiten optimal ausgeschöpft, wir nicht. Respekt." Martin Harnik stellt an sich "andere Ansprüche. Und auch an die Mannschaft. Wir haben im Gesamten nicht überzeugt."

Mittelstürmer Marc Janko, von einer Hochform weiter entfernt als eine Tiefkühlpizza vom Haubenlokal ("Ich bin kein körperliches Wunder"), gestand ein, dass man von der in der Qualifikation gezeigten Klasse und Durchschlagskraft ein Stück weit weg sei. "Das Wichtigste ist, dass wir den Schalter umlegen. Das ist nicht einfach. Aber wir wissen aus der Vergangenheit, dass es möglich ist."

Vertrauen bleibt

Koller bot zumindest theoretische Lösungen an. "Noch enger zusammenrücken, die Köpfe freikriegen. Der eine braucht harte Worte, der andere sanfte." Positiv an einem Turnier sei, "dass es weitere Chancen gibt. Du hast zum Grübeln keine Zeit." Koller setzt traditionell auf bewährtes Personal, das sich gegen Ungarn allerdings nicht bewährt hat – für ihn eine neue Erfahrung. Bisher steigerten sich Formlose zu einer Hochform, diesmal blieben sie einfach nur formlos. Ob er personelle Konsequenzen zieht, macht er mit sich selbst aus. Der nach der gelb-roten Karte gesperrte Dragovic muss ersetzt werden, es könnte Sebastian Prödl treffen. Und Junuzovic dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausfallen. Koller, vielsagend und auch nichtssagend: "Wir haben 23 Spieler, ich vertraue allen."

Fuchs sagte noch: "Es gibt keinen Grund, sich großartig Sorgen zu machen. Wir haben noch zwei Spiele." Das öffentliche Showtraining am Mittwochabend in Mallemort hatte null Unterhaltungswert. Am Samstag im Pariser Prinzenpark soll mehr gelacht werden. (Christian Hackl aus Mallemort, 16.6.2016)

Fragestunde

Rat und Trost bei Christian Hackl: Donnerstag ab 10.30 Uhr

Wie ist die Stimmung im ÖFB-Team nach dem Debakel? Christian Hackl beantwortet Ihre Fragen

  • Julian Baumgartlinger: "Wir sind in der Realität angekommen."
    foto: apa/afp/schwarz

    Julian Baumgartlinger: "Wir sind in der Realität angekommen."

  • Befürchtung bestätigt: Österreichs Spielmacher Zlatko Junuzovic erlitt gegen Ungarn einen Teilabriss des Außenbandes im Knöchel.
    foto: apa/kisbenedek

    Befürchtung bestätigt: Österreichs Spielmacher Zlatko Junuzovic erlitt gegen Ungarn einen Teilabriss des Außenbandes im Knöchel.

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