Metaller: Zeit wertvoller als Geld

15. Juni 2016, 17:15
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Das neue Arbeitszeitmodell der Metaller erlaubt, Überstunden künftig mit Zeitausgleich abzugelten

Wien – Ob es an der Schelte von Reinhold Mitterlehner lag? Der ÖVP-Vizekanzler hat kürzlich die Sozialpartner gerügt, sie würden nur die eigene Klientel bedienen und keine Vorschläge machen. Am Mittwoch kam dann ein kräftiges Lebenszeichen der Sozialpartner, genauer gesagt: der Tarifparteien im Metallbereich. Sie haben sich nach langen Verhandlungen auf ein neues Arbeitszeitmodell geeinigt, mit dem Betriebe besser auf Auftragsschwankungen reagieren können.

Zeitguthaben aus Phasen hoher Kapazitätsauslastung könnten damit leichter und länger fortgeschrieben werden, um dann während der Auftragsflaute abgebaut zu werden. Und: In gewissen Bandbreiten können Betriebe erstmals Überstundenzuschläge in Zeitausgleich anstatt in Geld abgelten. Dafür gibt es eine auffällige Spreizung der Zuschläge: Sie machen in Form von Geld 50 Prozent, in Form von Freizeit 67 Prozent aus.

Krisen-Zeitkonto

Allerdings wird das Ausmaß der Überstunden reduziert, weil bis zu 40 Arbeitsstunden nach Jahresende übertragen werden können. Das kann dann noch zweimal wiederholt werden, sodass auf dem Konto 120 Stunden stehen. In diesem Ausmaß können dann Mitarbeiter kürzer arbeiten oder zu Hause bleiben, wenn die Produktion nicht ausgelastet ist. Bis dato musste in diesem Fall Kurzarbeit angemeldet werden, heißt es aus der Gewerkschaft. Die dreijährige Durchrechnung der Arbeitszeit wird daher auch als "Krisen-Zeitkonto" bezeichnet.

Mit einem "Krisen-Zeitkonto" werden in guten Zeiten Zeitguthaben aufgebaut, um dieses dann bei Unterauslastung der Betriebe zu verbrauchen.

Für Bernhard Wagner, Referent im Fachverband der Maschinen-, Metallwaren- und Gießereiindustrie, liegt ein großer Vorteil des neuen Modells darin, dass es mit Schichtbetrieben vereinbar ist. Es kann somit zu einer Kombination aus Schichtbetrieb und flexiblem Arbeitszeitmodell kommen, das auf bis zu neun Stunden am Tag und 45 Stunden in der Woche ausgelegt ist.

Zudem wurde ein Recht auf Altersteilzeit vereinbart. Bei diesem können dann aufgebaute Zeitguthaben verbraucht werden.

Gewerkschaft und Arbeitgeber sind mit dem Abschluss zufrieden. Das neue Modell sei eine neue zusätzliche Möglichkeit, mehr notwendige betriebliche Flexibilität zu gewährleisten und die individuelle Mitgestaltung der Arbeitszeit für die Beschäftigten auszubauen, meint dazu Metallerchef Rainer Wimmer. Nicht ganz selbstverständlicher Nachsatz: "Das ist ein starkes Signal an den heimischen Industriestandort und für die Sicherung von Arbeitsplätzen."

Reaktionen auf Schwankungen

Das Zeitkontenmodell bringe deutliche Verbesserungen der kollektivvertraglichen Bestimmungen hinsichtlich der Verteilung der Arbeitszeit und mehr Spielräume beim Ansammeln und Verbrauch von Plus- und Negativzeitsalden, meint auch Christian Knill, Obmann des Fachverbands. Damit könne besser auf die steigenden Auftragsschwankungen reagiert werden, die eine zunehmende Herausforderung für den Standort darstellten.

Lob kam auch von Arbeiterkammer- und Gewerkschaftsspitze, von Sozialminister Alois Stöger sowie der Industriellenvereinigung. Sie alle stellten – ob in Anspielung auf Mitterlehners Äußerungen oder nicht – die Funktionsfähigkeit der Sozialpartner in den Mittelpunkt. Diese sei "auf der Höhe der Zeit", erklärte etwa Stöger. Er bezeichnete das vereinbarte Modell zudem als Vorbild für andere Branchen. Gewerkschaftschef Erich Foglar betonte ebenfalls, dass die Einigung ein Zeichen für die funktionierende Sozialpartnerschaft sei. Der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer, begrüßte die Einigung ebenfalls.

Rüffel von Foglar

Allerdings nutzte er die Gelegenheit, um neuerlich eine gesetzliche Ausweitung der Höchstarbeitszeit von zehn auf zwölf Stunden am Tag zu verlangen. Es gehe nicht darum, generell mehr, sondern flexibler zu arbeiten, so der IV-Mann. Das brachte ihm prompt einen Rüffel von Foglar ein: "Flexibilisierung zu sagen, aber mehr Arbeit für das gleiche Geld zu meinen ist kein sonderlich innovativer Ansatz." (Andreas Schnauder, 15.6.2016)

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