Amöben helfen dabei, Vulkanausbrüche besser zu verstehen

16. Juni 2016, 06:00
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Forscher setzen bei neuer Datierungsmethode auf "Aschenputtels einzellige Tauben"

Neuenburg – Einzellige Lebewesen könnten künftig bei der Rekonstruktion historischer Vulkanausbrüche helfen: Dieses Ansatz verfolgen Schweizer Wissenschafter gemeinsam mit chilenischen und französischen Kollegen. Ihr Interesse gilt dabei Arcellinida, einer Gruppe von Amöben, die ein Gehäuse tragen.

Diese Gehäuse enthalten winzige Partikel aus Vulkanasche, die bei der Datierung von Sedimenten helfen. Durch Analyse der Partikel ließe sich die Geschichte von Vulkanausbrüchen besser nachvollziehen – und das in einem Radius von mehreren hundert Kilometern um den Vulkankrater, wie die Wissenschafter um Edward Mitchell von der Universität Neuenburg berichteten. Spuren eines Vulkanausbruchs in Island ließen sich also bis in die Schweiz finden.

"Man kann damit zum einen die Auswirkungen von Eruptionen auf verschiedene Regionen, zum anderen den Zeitpunkt vergangener Klimaveränderungen und menschlicher Aktivitäten besser bestimmen", so Mitchell.

Tephra

Das Verfahren, das die Forschenden im Fachblatt "The European Journal of Protistology" vorstellen, beruht auf vulkanischem Material, genannt Tephra (griechisch für "Asche"). Dessen Datierung sei sowohl einfacher als auch weniger teuer als die bekannte Radiokarbonmethode, schrieb die Uni Neuenburg.

Es gebe jedoch einen Haken: Nahe beim Krater sei Tephra zwar leicht zu finden, da sich dort gut sichtbare Ablagerungen bilden. Tatsächlich sei die Datierung dort jedoch viel schwieriger als in weiterer Entfernung vom Krater.

Zum Glück für die Forscher kommt Tephra auch in Form winziger Partikel vor, deren Durchmesser weniger als 125 Mikrometer misst. Weil sie damit nahezu unsichtbar sind, nennen Vulkanologen diese Teilchen "Kryptotephra". Bei einem Vulkanausbruch werden diese Mikropartikel je nach Windverhältnissen bis zu 1.000 Kilometer vom Krater weggetragen – und manchmal von Arcellinida in ihre Schutzhülle eingebaut.

Kleine Helferlein

"Diese Amöben bauen ihre Schale aus Mineralpartikeln aus ihrer Umgebung auf, ohne dabei auf die mineralogische Beschaffenheit dieser Partikel zu achten", sagte Mitchell. Der Doktorand Maxence Delaine von der Universite de Lille hatte Kryptotephra in den Schalen von Amöben nachgewiesen, welche Mitchell und sein Mitarbeiter Leonardo Fernandez in Moos und Humus im Süden Chiles gesammelt hatten.

Da die Partikel in der Amöbenschale konzentriert vorliegen, sei es leichter, sie zu analysieren, als aus einer rohen Probe, hieß es in der Mitteilung weiter. So ließe sich die genaue Datierung von Erd-, Torf- oder Seesedimentproben mittels Kryptotephra auf einen viel weiteren Umkreis um vergangene Vulkanausbrüche ausweiten.

Mitchell vergleicht die Unterstützung, welche die Amöben damit der Forschung leisten, mit den Tauben im Märchen vom Aschenputtel: Die Vögel halfen dem Mädchen, Linsen aus der Asche zu sortieren. Entsprechend wählten die Forschenden den Titel ihres Fachartikels, "Aschenputtels Tauben in der mikrobiellen Welt ...". (APA, red, 16. 4. 6. 2016)

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