Pakistan: Mord im Namen der Familienehre

16. Juni 2016, 09:00
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Ehrenmorde häufen sich, die Täter kommen meist straffrei davon. Eine mächtige Lobby blockiert Gesetze zum besseren Schutz von Frauen

Islamabad/Dubai – Zeenat Rafiq musste sterben, weil sie "Schande über die Familie" gebracht hatte. Ihre eigene Mutter soll sie mit Benzin übergossen und angezündet haben. Vorher habe man sie laut Polizei gefoltert. Vier Tage zuvor hatte die 16-Jährige aus Lahore gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet. Ihre Mutter hatte sie nach Hause gelockt, angeblich um sich zu versöhnen. Ihr Mann hatte ihr noch zugeredet, die Aussprache zu suchen. "Wie hätten wir ahnen können, dass sie sie töten würden", sagt er.

In Pakistan häufen sich Ehrenmorde, fast jeden Tag machen neue Fälle Schlagzeilen: Am Sonntag zertrümmerte ein junger Christ in Sialkot seiner Schwester im Schlaf mit einem Holzknüppel den Schädel, weil sie ihren Ehemann selbst wählen wollte. Anfang Juni wurde die 19-jährige Lehrerin Maria Sadaqat umgebracht, weil sie den Hochzeitsantrag eines Kollegen ausgeschlagen hatte. Fünf Männer steckten die junge Frau in Brand.

Hohe Dunkelziffer

Allein 2015 wurden in Pakistan fast 1100 Frauen im Namen der Ehre verbrannt, gesteinigt, bei lebendigem Leib begraben, erschossen, erstochen oder zu Tode geprügelt, berichtet Pakistans Menschenrechtskommission. Und das ist nur die offizielle Zahl. Viele Ehrenmorde werden als Selbstmorde oder Unglücke getarnt.

Und bis heute gehen die meisten Täter straffrei aus. So erlaubt die Rechtslage, dass die Familie des Opfers dem Mörder vergibt und ihn begnadigt. Dies wird bei Ehrenmorden häufig genutzt, da Mörder und Opfer meist aus derselben Familie stammen. "Das Gesetz erlaubt Mördern buchstäblich, mit dem Mord an Frauen ihrer Familie davonzukommen", kritisiert Brad Adams, Asiendirektor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Paralleljustiz auf dem Land

Oft begeht die Familie die Morde sogar gemeinschaftlich, nachdem der Familienrat das Urteil gefällt hat. Auch die nur aus Männern bestehenden Dorfräte auf dem Land, die eine Art Paralleljustiz darstellen, verhängen gerne Todesurteile, wenn Frauen es wagen, gegen die patriarchalischen Traditionen aufzubegehren.

In weiten Teilen Südasiens werden Frauen als Eigentum angesehen – erst gehören sie ihrem Vater, dann dem Gatten. Vor allem in konservativen Regionen droht ihnen der Tod, wenn sie aus Liebe heiraten, eine arrangierte Ehe ablehnen oder sich scheiden lassen.

Pakistans konservative Regierung sieht mittlerweile Handlungsbedarf. Im Februar hat das Parlament der Provinz Punjab, die von der Partei von Premierminister Nawaz Sharif regiert wird, ein Gesetz gebilligt, das von Gewalt bedrohte Frauen besser schützt. Im März billigte Pakistans Senat zudem ein eigenes Gesetz gegen Ehrenmorde, das aber noch durchs Parlament muss. Doch eine Gruppe von 30 religiösen Gruppen blockiert die Novelle und droht mit Protesten.

"Ein bisschen schlagen"

Der Council of Islamic Ideology, ein religiöses Gremium, das die Regierung berät, legte sogar eine Art Gegenentwurf vor: Männer sollen ein gesetzlich verbrieftes Recht erhalten, aufsässige Frauen "ein bisschen zu schlagen". In liberalen Kreisen erntete dies Hohn und Spott, in konservativen Schichten aber durchaus Beifall. Der ohnehin vom Militär gegängelte und geschwächte Premier Sharif steckt in der Zwickmühle: Die Wähler seiner Partei PML-N rekrutieren sich vor allem aus den religiösen Schichten. (Christine Möllhoff, 16.6.2016)

  • Proteste gegen Ehrenmorde in Pakistans Hauptstadt Islamabad.
    foto: apa/epa/mughal

    Proteste gegen Ehrenmorde in Pakistans Hauptstadt Islamabad.

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